Eine verpasste Chance – die Zuhause-Berlinale

Vor wenigen Tagen endete der Auftakt der 71. Internationalen Filmfestspiele Berlins – das Industry Event. Die Filme und digital stattfindenden Veranstaltungen konnten vom Fachpublikum und akkreditierten Pressevertreterinnen und -vertretern vom 1. bis 5. März 2021 abgerufen werden. Unsere Autorin Sonja Hartl hat viele Arthouse-Filme sichten können und berichtet, wie sie ihre erste Online-Berlinale erlebt hat.

 

Die vorige Woche habe ich vornehmlich auf meinem Sofa verbracht, den Laptop stets in Sichtweite, denn es galt ja zu streamen, zu streamen und noch einmal zu streamen. Fünf Tage lang hatte die akkreditierte Presse Zeit, einige Filme aus dem diesjährigen Berlinale-Jahrgang zu sichten – nicht alle, wohlgemerkt. Es blieb den Produktionsfirmen überlassen, ob und falls ja, wo sie ihre Filme zeigen wollten. Das sorgte dann unter anderem dafür, dass zwei der deutschen Wettbewerbsbeiträge – Fabian oder Der Gang vor die Hunde und Nebenan – über das reguläre Berlinale Media System nicht zu sehen waren.

Aber dort waren genügend Filme eingestellt, mehr als an einem Tag zu schaffen waren. 24 Stunden Zeit hatte man, um die jeweils für diesen Tag ausgesuchten und um 7 Uhr morgens freigeschalteten Filme zu sehen. Dieses Streaming-System hat nicht nur Nachteile: Ich konnte anfangen zu gucken, wann ich wollte. Ich konnte abbrechen, unterbrechen, gelegentlich auch mal pausieren. Mehr Beinfreiheit als der Berlinale-Palast hat mein Sofa natürlich auch und die Toilette war immer frei. Aber es fehlte der Austausch, dieses Raunen, wenn jemand einen wirklich guten Film gesehen hat. Stattdessen war ich zurückgeworfen auf mich selbst und habe mir mehr als einmal die Frage gestellt, ob ich in den vergangenen zwölf Monaten nicht eigentlich schon genug gestreamt habe.

 

YouTube: Pandora Film Verleih Je suis Karl | Trailer

Betrachtet man die Berlinale-Filme im Kontext des sonstigen Streaminangebots haben sie natürlich einen Vorteil: Man weiß nicht, was einen vorher erwartet. Es gibt eben noch keine Kritiken, noch keine Meinungen. Deshalb erlebte ich positive Überraschungen (A Cop Movie) und Enttäuschungen (Drift Away), einen Film, der besser eine Fernsehserie wäre (Je suis Karl) und viele, viele elegische Arthouse-Filme. Langsames Erzählen scheint ein Trend zu sein.

Doch Berlinale-Filme sind nun einmal in ihrer Gesamtheit andere Filme als die, die man sonst zu sehen bekommt. Deshalb glaube ich auch, dass die Berlinale eine große Chance vertan hat, indem sie ihre Filme nicht auch dem Publikum zum Streaming angeboten hat. Alleine wenn ich daran denke, wie viele Kinder und Jugendliche gerade zuhause sind, die sonst kaum die Gelegenheit hätten, einfach mal andere Kinder- und Jugendfilme zu sehen, die eben nicht bei Streamingdiensten oder im linearen Fernsehen laufen. Man hätte das pädagogisch begleiten können mit Angeboten für Schulklassen. Ambitionierte Patentanten wie ich hätten ihren Patenkindern Filmempfehlungen geben können. Und dann hätten junge Menschen (und Erwachsene) auch außerhalb Berlins die Möglichkeit gehabt, zumindest eine Ahnung davon zu bekommen, was Film abseits von Kino- und Heimkino-Auswertung sein kann. Wie viele Filmländer und Filmstile es gibt. Es wird doch immer beklagt, dass in Schulen kaum Filmbildung stattfindet. Diese Berlinale wäre die Chance gewesen, in diese Richtung etwas zu tun.

 

YouTube: Berlinale – Berlin International Film Festival I’m Your Man | Trailer

Vom 9. bis zum 20. Juni 2021 wird die 71. Berlinale in Form eines Summer Special fortgesetzt. Dem öffentlichen Publikum wird dann Gelegenheit gegeben, in Anwesenheit der Filmschaffenden einen Großteil der Filmauswahl 2021 in Berliner Kinos anzusehen.

 

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Weitere Texte von: Sonja Hartl

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

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