„Like mich“

Musik trifft auf Sarkasmus und Gesellschaftskritik

Alle Welt redet von Influencerinnen und Influencern und davon, welchen Einfluss sie auf Kinder und Jugendliche nehmen, und immer wichtiger werden Fragen rund um Schleichwerbung und Produktplatzierungen in den sozialen Medien, wie es auch am 27. September Thema beim Fachtag der KJM und des Deutschen Kinderhilfswerkes e.V. Zwischen Spielzeug, Kamera und YouTube – Kinder und Influencing in sozialen Medien war.

Während sich die Forschenden und Expertinnen sowie Experten der Medienwissenschaft und -pädagogik den Kopf zerbrechen, Risiken aufzeigen und versuchen, in die Welt des „Influencing“ einzutauchen, können junge Menschen von direkten Erfahrungen berichten und dabei genauso Kritik äußern. Dazu nutzen sie beispielsweise die Wege über Musik und ironische Songtexte und erreichen damit wahrscheinlich eher die jüngere Generation, statt den Zeigefinger zu erheben.

Ein Beispiel dafür ist die Band Reiche Söhne aus Halle (Saale), die mit Liedzeilen wie „Aufs Gewissen geschissen im Business“ oder „Wer kein Influencer ist, hat gar nichts erlebt“ genau auf jene Phänomene hinweist, die sich in den letzten Jahren immer stärker entwickelt haben. Die drei Jungs Marius (Sänger und Bassist), Jonas (Sänger und Gitarrist) und Stijn (Schlagzeuger) sprechen als eigene Mediennutzer aus direkter Erfahrung. Sie sind viel im Netz unterwegs, aber sie sind nicht nur reine Konsumenten, sondern hinterfragen auch, was dort vor sich geht. Im Interview erzählt die Band, wie es zu ihrem Namen kam, wie sich ihre Texte verstehen lassen, was es mit den Produktplatzierungen in ihrem Video Influencer auf sich hat und vieles mehr.

Wer wissen möchte, wie die Jungs aussehen und/oder keine Lust hat, das komplette Interview zu lesen, der kann sich die Inhalte in komprimierter – aber lebhafter – Form als Video-Interview ansehen.

 

Da sich im Video aber nicht alle Fragen und Antworten wiederfinden, können die Aussagen hier noch einmal in Gänze nachgelesen werden.


Was euch als Band besonders macht, sind die deutschen gesellschafts- und vor allem medienkritischen Texte. Die Provokation beginnt ja schon mit eurem Namen. Wie kommt man darauf, sich Reiche Söhne zu nennen und welches Statement wollt ihr damit setzen?

Jonas: Wir haben uns einfach gedacht, dass es gut ist, wenn man ein Konzept fährt. Man kriegt es auch in den sozialen Medien mit, es ist alles überladen. Es gibt einfach eine Vielzahl an Bands und man muss irgendwie herausstechen und mit so einem Namen provozieren, das können wir, glaube ich, ganz gut. Man muss immer schauen, wie viel Ernsthaftigkeit man da reinsteckt und wie viel Ironie. Es ist aber einfach ganz gut, wenn man immer angesprochen wird – ja, ihr reichen Söhne, ihr mit euren reichen Eltern. Ist halt ein Konzept.

Besonders ironisch und kritisch gegenüber den sozialen Medien äußert ihr euch in eurem Song Influencer. Da singt ihr u.a. „Wer kein Influencer ist, hat gar nichts erlebt“ oder an einer anderen Stelle, „Wer kein Influencer ist, hat nie wirklich gelebt“. Worin steckt die Ironie in diesen Sätzen und warum seht ihr das so?

Marius: Ich bin auf die Idee gekommen, weil ich das Gefühl hatte, dass mittlerweile fast alle Leute irgendwie in der Öffentlichkeit stehen möchten und klar, wir als Band natürlich auch. Aber ich meine auch gerade private Leute, die immer mehr in der Öffentlichkeit stehen wollen und sich dann da auch als Influencer mit Hashtags versehen – warum auch immer. Es macht ja eigentlich keinen Sinn. Warum sollte jetzt eine Privatperson sich selbst vermarkten? Und irgendwie ist mir aufgefallen, dass immer mehr Leute das machen und somit immer mehr Leute  Influencer sind. Darüber wollte ich einfach ein Lied schreiben.

Wie würdet ihr Influencer definieren?

Marius: Das sind vor allem Leute, die über Social Media, insbesondere Instagram, Produkte vermarkten.

Jonas: Das witzige und auch z.T. heftige ist, wir haben zu dem Lied Influncer ein Video gedreht und haben dazu auch Produkte in die Kamera gehalten – aus Gag, um sich darüber lustig zu machen. Wir hatten u.a. eine Sektmarke gezeigt, woraufhin uns die Firma angeschrieben hat mit den Worten „voll cool, was ihr da macht“, die haben das gar nicht verstanden und haben uns noch ein Paket mit Sektflaschen geschickt.
Natürlich springen auch viele Unternehmen auf diesen Zug und es gibt viele Leute, die da mitfahren bei dieser ganzen Instagramgeschichte. Es gibt ein Instagramprofil, das heißt „Toyah Gurl“, die macht sich auch ein bisschen lustig über das ganze Influencerphänomen. Und sie hat auch aufgezeigt: Es gibt Bilder, in denen Mütter ihre Kinder, teilweise auch nackt und neugeboren,  benutzen, um ein Produkt zu vermarkten. Das ist total bescheuert. Ich glaub, das zu hinterfragen macht uns als Punkband aus, dass wir das aktuelle Phänomen aufgreifen und kritisieren. Wir machen es halt auf ironische Art und Weise.

Stijn: Wir nutzen Sarkasmus sehr gerne als Stilmittel – auch privat mögen wir den sarkastischen Humor sehr und das benutzen wir für unsere Musik auch.

Seht ihr eine Gefahr in dieser Form des Einflusses/der Werbung?

Jonas: Eine Gefahr sehe ich allgemein auf jeden Fall, also auch bei mir selbst. Gar nicht bei den jungen Leuten, ich bin ja auch jung. Aber ich bekomme es ja bei mir selbst mit, dass ich morgens einige Stunden vorm Handy hänge und erstmal nichts mache, außer irgendwelche dummen Videos zu checken. Das macht süchtig. Ich glaube aber auch, dass allgemein heutzutage so ein Like für viele oft mehr wert ist als vielleicht andere reale emotionale Sachen. Dass ein Like oder mehr Follower bei einer Vielzahl von Menschen so ein Glücksgefühl auslöst wie früher vielleicht gute Musik oder Sachen, die man mit seinem Partner oder Freunden macht. Und das ist ziemlich interessant, dass so ein kleines angezeigtes Symbol in dir ein Glücksgefühl auslöst.
Wir freuen uns auch über ein Like, weil man dann weiß, okay – den Leuten gefällt, was wir machen. Vielleicht kann man es so ausdrücken, am Ende machen wir das Gleiche wie ein Influencer, aber versuchen es noch zu hinterfragen.

Marius: Was auch noch einmal den Unterschied von uns als Band zu einem Influencer ausmacht, ist, dass Influencer im Prinzip eine Machtposition innehaben, weil sie einfach ein riesiges Vorbild für junge Leute sind und diese Machtposition ausnutzen, indem sie dann irgendwelchen Schrott verkaufen. Das ist das Schwierige. Ich finde es nicht schlimm, dass Menschen Vorbilder haben. Das gab es schon immer, auch in den 90er- oder 80er-Jahren. Wir hatten ja auch als ganz junge 14-, 15-Jährige schon unsere Vorbilder. Das waren dann aber irgendwelche Bandleute, die Musik gemacht haben. Ich finde es halt schwierig, wenn man seine Machtposition ausnutzt, das ist immer blöd.

In einer anderen Zeile des Liedes Influencer singt ihr „Weil ich es mir wert bin, weil ich es euch wert bin. Pusch ich mein Instagame und puscht ihr mein Instagramfame“ – warum Instagram und wie findet ihr wird dort mit Werten tatsächlich umgegangen?

Marius: Das mit dem Spruch „Weil ich es mir wert bin“ fand ich witzig, weil es ist ja der Slogan der Firma Schwarzkopf. Und vielleicht ist es dir ja aufgefallen, in dem Lied sind mehrere Werbesprüche versteckt, z.B. „dafür stehe ich mit meinem Namen“.

Jonas: ‚Game‘ bedeutet aus unserer Sicht, es macht Spaß, irgendwelche Stories zu erzählen, zu posten und sich kreativ ausprobieren.

Wo seht ihr die Grenze zwischen echter Person und Image?

Marius: Wenn ein Unterschied zwischen öffentlicher und privater Person herrscht, finde ich das eigentlich nicht so schlimm, weil das am Ende auch eine Kunstfigur sein kann. Und ich glaube auch nicht, dass die meisten Leute immer so sind. Nur das Problem ist aber, dass die Zuschauer wissen müssen, dass es sich nicht um die echte Person handelt.

Auch euer Lied Like mich beschäftigt sich mit dem Like-Phänomen in sozialen Netzwerken. Ich erinnere mich an einen Auftritt, bei dem ihr danach meintet, viel wichtiger als unseren Merchandise zu kaufen, ist es einen Like dazulassen. Und als Band sind es eben nicht die kleinen Klicks, die man braucht, oder? Wo seht ihr euch da als Band? Einerseits kritisiert ihr die neue Social-Media-Welt, zum anderen seid ihr der als Band auch irgendwie ausgeliefert und auf gerade die „kleinen“ oder doch eher großen Klicks angewiesen.

Marius: Was wir als Band dahingehend kritisieren, ist, dass Likes so wichtig sind, vor allem in so Bandsachen, dass ja teilweise nach Likes entschieden wird, ob die Band bei Festivals gebucht wird oder nicht –  da meinen wir mit einem Augenzwinkern: „wir brauchen unbedingt eure Likes“. Das wäre der einzige Grund. An sich ist so eine Zahl eigentlich total unwichtig, aber dadurch, dass das für Veranstalter so wichtig geworden ist, wird es auch für uns wichtig. Deswegen sagen wir das so auf unseren Konzerten, und natürlich verkaufen wir auch gern unseren Merch.

Ihr singt außerdem in dem Lied „Damit Deutschland endlich Fußballweltmeister wird, helfen nur deine Likes“, „gegen humanitäre Katastrophen helfen nur deine Likes“, „damit wir uns für Politik interessieren, helfen nur deine Likes“ – welche Aussage wollt ihr damit treffen?

Jonas: Also die Zeile geht ja so los, „damit mein Essen mir wirklich schmeckt, helfen nur deine Likes“ – und das war eigentlich der Aufzieher dieser Bridge oder was auch immer das ist. Weil ich lustig finde, dass Leute Fotos von ihrem Essen machen in guten Restaurants. Das Essen sieht total geil aus, wenn du drauf guckst, und dann hätte ich doch keinen Bock, das nochmal zu fotografieren. Das ist so eine Angeberei auf Instagram. Und so zieht sich das weiter und wird dann ein bisschen überspitzt bis hin zu humanitären Katastrophen und Fußballweltmeister. Das sind alles so gesellschaftliche Probleme, die existieren. Und das haben wir einfach vermixt mit dem Like-Tum.
Dir wird ja auf Facebook nur bestimmter Content angezeigt und so kannst du echt einem Menschen eine Meinung aufdrücken. Und wenn dann irgendwelche Leute Geld dafür bezahlen, dass andere Leute diese Sachen sehen, dann wird denen vielleicht schon eine politische Gesinnung aufgedrückt, weil du dann nur noch Artikel liest, die z.B. von der ZEIT oder FAZ sind und nur noch aus der einen Perspektive berichten. Das finde ich schon meinungsmachend. Das kritisieren wir einfach ein bisschen.

Stijn: Ich fasse mal zusammen. Die Leute hinterfragen nichts mehr, denken nicht darüber nach, was sie sehen, feiern das alles. Und letztendlich ist es von unserer Seite aus einfach nur ein Hinterfragen der Medienpräsenz von vielen Influencern.

Die FSF prüft ja auch unter anderem Musikvideos. Wie geht ihr damit um, würdet ihr euch im Vorfeld eines Musikvideos, also vor Einreichung bei einem Musiksender, Gedanken machen über die Ausstrahlungskriterien und was ihr in Bezug auf Jugendmedienschutz beachten müsst?

Marius: Um ehrlich zu sein nicht, weil das bisher textlich und so auch noch gar nicht so Thema war. Jugendgefährdend sind wir nicht. Wir wollen auch Musik für junge Leute machen, gerne auch für 12-, 13-, 14-, 15-Jährige. Da sind wir eigentlich echt offen, aber auch für Studenten, auch für ältere Leute, deswegen achten wir da vielleicht unterbewusst darauf, dass so etwas nicht passieren wird. Bei Rammstein und ihren Inhalten finde ich es schon teilweise richtig, dass einige Bilder nicht gezeigt werden können – es passt zum Image der Band und zu den Songs. Aber bei uns wäre das dann eher lächerlich – wahrscheinlich.

Jonas: Aber unser Image ist „reiche Söhne“, nicht die blutenden Vampire. Wir haben wenig mit Blut und Gewalt zu tun – aktuell sehen wir nicht, dass wir mit gewalttätigen Sachen provozieren müssen, die jugendgefährdend sind.
Es gibt auch Videos, die Gewalthaltiges zeigen, in denen der Text  gar nicht zum Bild passt, und wenn die FSF dann sagt, okay das muss man jetzt „zensieren“ – wie z.B. das Lied Junge von den Ärzten, ist das schon richtig.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Und wer jetzt Lust auf die Musik der Band Reiche Söhne bekommen hat, kann auf YouTube ihre Songs nachhören.

 

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Über Elisa Hoth

Elisa Hoth ist Studentin an der Martin-Luther-Universität in Halle. Vor dem Studium absolvierte sie ein Praktikum bei einem Radiosender in Berlin, betreute anschließend vier Monate lang den Internetauftritt einer Musikproduktionsfirma in München und unterstützte deren Projekte. Dies führte sie letztendlich zum Bachelor-Studiengang der Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Erziehungswissenschaften. Hier verbinden sich ihre Interessen an der medialen Welt und den darin lebenden Menschen.

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