Streifschüsse und Backpfeifen

Advent mit Joko und Klaas

In dunkler Lockdown-Tristesse knallt ProSieben in der Adventszeit sein Show-Schlachtross Das Duell um die Welt – Team Joko gegen Team Klaas wieder auf die Bildschirme. Die beiden TV-Haudegen sind zuverlässige Quotenmagneten des Senders. Die Folgen vom 28. November und 5. Dezember 2020 waren der Auftakt zur neuen Staffel. Joko und Klaas boten das, was sie drauf haben: aberwitzige Spiele im Livemodus, mit offenem Ausgang. Urbanes Understatement mit provinzieller Koketterie. Mehr zielgruppenrelevante Anschlussfläche geht eigentlich kaum und die Einschaltquoten geben ihnen recht. Beide Folgen dominierten in der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen mit über 16 Prozent die Primetime (Quelle: DWDL), der beste Wert seit sechs Jahren. Mit 5,9 Prozent Marktanteil lag das Duell um die Welt am 5. Dezember auch beim Gesamtpublikum weit über den üblichen ProSieben-Werten.

 

Was lange währt, ist gut

Joko und Klaas gelten mittlerweile als Urgesteine der deutschen Fernsehunterhaltung, denen es gelingt, auch über Gag und Irrwitz hinausgehende nachdenkliche, gesellschaftlich relevante Angebote zu produzieren, was sie beispielsweise mit ihren 15 Minuten aus Joko & Klaas gegen Pro7 erreichen. Zu ihren Klassikern gehört die Duell-Show, deren Rezeptur bewährt ist. Jeannine Michaelsen moderiert mit sarkastischem Biss schon seit der ersten Staffel die Show der beiden Televisionisten und nennt das Ganze selbstironisch auch mal „Quatsch“ und „das bescheuertste Reisemagazin im deutschen Fernsehen“.

Joko und Klaas fechten buddy- und divenhaft aus, wer „Weltmeister“ wird. Das ist amüsant. Der Weltmeister 2020 steht eigentlich schon fest: das Coronavirus. Die Pandemie, die gefühlter Weise im Sommer der Hoffnung scheinbar pausierte, stellte alle, und somit auch die Produzenten vor harsche Herausforderungen. Der Sender teilt dazu mit, dass alle Reisen vor der Pandemie oder in eben jenem Sommer 2020 stattfanden. Die Duelle wurden unter den zum Zeitpunkt der Produktion geltenden Reise-, Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen realisiert. Im Studio ist kein Publikum, aber trotzdem Stimmung.

 

Körperwelten – Grenzräume der Fernsehunterhaltung

In der ersten Episode der neuen Staffel ließ sich Ralf Moeller die „Backen“ mit 300ml Kochsalzlösung aufspritzen, um wie ein Hamster auszusehen, Luke Mockridge wurde in Tschechien aus einem Flugzeug gehängt und Wincent Weiss kroch in einer isländischen Gletscherspalte herum. Insbesondere die Janin-Ullmann-Challenge, bei der sie über einem Abgrund auf einer Gaffa-Tape-Schaukel sitzend ein Kinderlied schluchzte, sorgte für erheblichen Nervenkitzel. Nichts neues: Die Leistung wird bewundert, die Panik als Schauwert vorgeführt.

Wie immer bei den Duellen sind die Challenges teilweise grenzwertig. Für Diskussionen sorgte 2019 der Extrem-Bungee-Sprung von Charlotte Roche, bei dem sie nur von in den Rücken geschlagenen Titanhaken gehalten wurde. Ein verstörender Moment der Fernsehgeschichte. Bei aller Kontextualisierung, Erläuterung und Show-Rahmung blieb dabei die wenig förderliche Botschaft, dass hier eine extreme Risikobereitschaft, die mit einer (gegen eigene Schutzinstinkte vollzogenen) Selbstverletzung einhergeht, belohnt und gefeiert wurde. Die Challenge wurde letztlich als „Freundschaftsbeweis“ tituliert, von Charlotte Roche als persönliche Herausforderung betrachtet. Das rief auch Jugendschützerinnen und Jugendschützer auf den Plan, die dabei weniger Gefahren einer Nachahmung, sondern den unter Jugendschutzaspekten relevanten Umstand sahen, dass diese schmerzhafte Selbstverletzung im Gesamtsetting des Formats überaus positiv bewertet wurde. Eine voyeuristische Grundtonalität ist der Show – bei aller Selbstironie und sarkastischer Aufladung des Formats – nicht abzusprechen. Es ergibt eigentlich auch keinen Sinn, sich an solche extremen Selbstverletzungen als Bestandteil von Hauptabendprogramm-Unterhaltungsshows zu gewöhnen. Auch wenn das Für und Wider des Sprunges seitens der Protagonistin Charlotte Roche und der Showmaster einen breiten Raum einnahm und durchaus kritisch reflektiert wurde, so dominierte letztlich die rauschhafte positive Resonanz auf diese Challenge. Auch in den bisherigen Folgen der neuen Staffel gab es einige, bei denen es körperlich ordentlich zur Sache ging.

 

Körperverletzung und Kübel-Videos

Vieles in dieser Show ist witzig, einiges wieder grenzwertig, zum Beispiel die Challenge mit der „kleinsten Aufgabe der Welt“, bei der sich Axel Stein in Liechtenstein anschießen lassen soll. Der Witz: der geplante Streifschuss soll von einem Huhn ausgelöst werden, damit keine Person des Teams juristisch belangt werden kann. Die ganze Challenge hangelt sich neben den Miniaturwitzen vor allem an den juristischen Spitzfindigkeiten entlang, die mit der geplanten Körperverletzung einhergehen. So reflektiert Joko mehrfach, dass dieses Spiel „unverantwortlich“ sei, wohingegen Klaas die juristischen Umwege abfeiert, womit man sich der Verantwortung entziehen könne. Eine höchst ambivalente Botschaft wird hier im Entertainmentformat ausgebreitet. So wird ein „Mitarbeiter“, der das Schussprozedere initiieren soll, gebeten, sich vorab zu betrinken, damit er als unzurechnungsfähig gilt. Außerdem soll Axel Stein juristisch formal einen Angriff behaupten, so dass der Tatbestand einer Notwehr gelten kann. Eine Schutzbehauptung. All dies ist absurd, manchmal komisch, aber auch desorientierend. Bei aller Spielrahmung, Reflektion und süffisantem Sarkasmus – hier werden offensiv Wege beworben, sich der Verantwortung bei gesetzeswidrigem Verhalten zu entziehen. Es verfängt der Eindruck, man müsse nur betrunken sein, um nicht mehr belangt werden zu können. Fatal. Da hilft es auch nicht, wenn das Spiel abgebrochen wird, obwohl Axel Stein „wagemutig“ und gegen seine Schutzinstinkte beschloss, sich der Challenge auszusetzen. Er hätte es durchgezogen, so Stein, obwohl er zuvor konsterniert beobachten konnte, wie ein Projektil aus einem Schnitzel entfernt wurde, auf das probehalber geschossen wurde. Das Duell-Team ging davon aus, dass er das nicht tun würde und intervenierte schließlich. Immerhin.

Auch die Vanessa Mai-Challenge bot einen weiteren ambivalenten Aspekt. Die Idee, vor der norwegischen Küste ein TikTok-Tanzvideo mit einem Pottwal zu drehen, ist nicht schlecht und versprach eine Menge Schauwert und Nervenkitzel. Leider mündete die Challenge dann in der wiederholten Präsentation eines „Kübel-Videos“ von Vanessa Mai, die sich auf See übergeben musste. Das wurde recht deutlich ins Bild gesetzt und danach für die Social-Media-Belustigung aufbereitet. Moderatorin Jeannine Michaelsen distanzierte sich davon in ihrer unnachahmlich ironischen Weise, doch das Video wird bleiben. Kann man kurios finden, aber es bedient doch eher die Fliehkräfte der Niedertracht, die in den Social-Media-Welten toben. Die Überschrift der TV-Kolumne im FOCUS lautet dementsprechend: Ist das eigentlich Unterhaltung, wenn Sängerin Vanessa Mai ins Meer kotzt?

 

Screenshot Webseite ProSieben mit Warnhinweis während der Sendung: DUELL GEHT UM DIE WELT vom 05. Dezember 2020
Screenshot Webseite ProSieben mit Warnhinweis während der Sendung: Duell geht um die Welt vom 05. Dezember 2020

Backpfeifen und Schutzinstinkte

Als höchst ambivalentes Stück war auch die Backpfeifen-Challenge mit Thorsten Legat angelegt, bei der er nach Russland reiste, um an einem martialischen Event – der „Schellen-WM“ – teilzunehmen. Hier steppt der sibirische Bär. Finstere Hühnen und grobschlächtige Männer versammeln sich wie bei einem Ultimate Fighting-Event, um sich gegenseitig mit knallharten Backpfeifen zu versemmeln. Zur Illustration werden kurze Aufnahmen einiger unappetitlicher Ohrfeigen (eher Schläge) gezeigt, versehen mit einem Balken „Zensiert“. Es reicht, um den Charakter des Events zu erfassen und kokettiert gleichzeitig mit den Grenzziehungen des Jugendschutzes. Explizite Warnungen wurden zuvor durch die Moderatorin („genug Schlimmes“) sowie die Protagonisten ausgesprochen und eingeblendet. Angesichts des finsteren Settings und der erwartbaren Verletzungsgefahr tut Thorsten Legat hier das einzig Richtige: er verzichtet und bricht die Challenge mit einer berührenden Geste ab. Fast möchte man jubeln: ein funktionierender Schutzinstinkt! Joko und Klaas wissen das natürlich zu schätzen. Wer will, kann sich im Netz die „unzensierte“ Version der Backpfeifen-Challenge ansehen. Mehrwert? Ungewiss.

 

Thorsten Legat bei der Schellen-WM in Sibirien | Duell um die Welt | ProSieben vom 07.12.2020

Wer sich mit der Backpfeifenkultur intensiver auseinandersetzen möchte, sei übrigens an die Ohrfeigen-Performance Light/Dark der Künstlerin Marina Abramovic erinnert, die 1977 auf dem Kölner Kunstmarkt präsentiert und im Jahr darauf nochmal gefilmt wurde. Hier sitzt die Künstlerin ihrem damaligen Lebensgefährten Ulay gegenüber und sie beginnen sich gegenseitig Ohrfeigen zu geben, die immer fester und gewalttätiger werden. Auf YouTube kann man sich das anschauen.

 

…darf alles?

Augenscheinlich ist sich das Produktionsteam der rechtlichen und ethischen Ambivalenzen der Challenges sehr bewusst. Joko, Klaas und Jeannine Michaelsen reflektieren wiederholt die Grauzonen und argumentieren entlang des Jugendschutzes. Es bleibt aber ein schaler Beigeschmack, denn letztlich finden die Dinge statt. Zur besten Sendezeit, mit sehr hohen Einschaltquoten. Das ist wie bei den endlosen Satire-darf-alles-Diskursen, die manchmal eher Alibi-Charakter haben. Wir haben’s Euch ja gesagt – aber eben trotzdem gezeigt. Und natürlich sollte man auch die Kirche im Dorf lassen. Die ProSieben-Premiumgesichter Joko und Klaas liefern, was von ihnen erwartet wird. Keine Biederkeit. Wie fasste Klaas am Ende der Show kokett zusammen: unsere Kernkompetenz ist Ekel und Scham. Wir wissen, dass sie viel mehr zu bieten haben. So bedient das Format eine offensichtlich kaum stoppbare Eskalationsspirale, die mit hohem Unterhaltungswert teils problematische Botschaften transportiert.

 

Links und Weiterlesen

Alle Links zuletzt geprüft am 08. Dezember 2020

Über Uwe Breitenborn

Dr. Uwe Breitenborn, hauptamtlicher Prüfer der FSF, Dozent und Autor, Bildungsreferent der Medienwerkstatt Potsdam, zahlreiche Veröffentlichungen zur Mediengeschichte, Musiksoziologie, und Kulturwissenschaft. Von 2014-2019 Vertretung der Professur Onlinejournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Zuvor u.a. Arbeit an der Martin-Luther-Universität Halle und beim DRA Babelsberg.

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.