Augen zu oder auf?

Im Rahmen von doxs! treffen Jugendliche auf Filmemacher. Es geht um Sehen, Imaginieren und Diskutieren.
In Workshops, die an Schulen und im Rahmen des Dokumentarfilmfestivals doxs! in Duisburg initiiert werden, wird aktives Sehen und Reflektieren von filmischen Herangehensweisen vermittelt, soll ein Bewusstsein bei jungen Filmschauenden geschaffen werden für Inhalte und Ästhetiken jenseits von formatierten Medienwelten.
Einen solchen Workshop gestaltete die FSF als Vorbereitung auf das Gespräch einer Gruppe von 14- bis 15-Jährigen mit der Regisseurin des Films Shame Fame, Eef Hilgers.

 

Schande und Ruhm

In Shame Fame geht es die um Frage, warum gewaltvolle Videos oder Videos, in denen Menschen etwas Peinliches passiert, so erfolgreich im Internet sind. Die Regisseurin Eef Hilgers setzt sich im Film mit ihrem eigenen, voyeuristischen Blick kritisch auseinander und versucht einzuordnen, welche Position sie selbst dabei einnimmt. Filmisch setzt sie dies mit Bildschirmaufnahmen um, die in der Ästhetik eine Nähe zur Lebenswelt von Jugendlichen suggeriert. Unser Ziel war, neben der inhaltlichen und filmsprachlichen Analyse, gemeinsam mit den Jugendlichen konkrete Fragen an die Regisseurin für die spätere Filmvorführung zu erarbeiten.

Der Tag des Workshops

Am 9. November saß uns schließlich in Duisburg eine aufgeweckte Klasse gegenüber, die schon einen langen Tag hinter sich hatte, aber dennoch bereit war, sich auf unseren Workshop einzulassen und in den Austausch mit uns zu treten.

Die Jugendlichen definierten den Kerninhalt des Films für sich sehr klar: Das ungefragte Filmen und Veröffentlichen von Menschen in peinlichen Situationen.
In Gruppen aufgeteilt und mit verschiedenen Beobachtungsaufgaben bedacht, schauten wir mit ihnen noch einmal gemeinsam Shame Fame an. Im Anschluss erarbeiteten wir Perspektiven der Bild-, Ton- und inhaltlichen Ebenen. Im Zuge der Gespräche und Analyse geriet der Aspekt der „neuen Öffentlichkeit“ immer stärker in den Fokus unseres Workshops – beispielsweise die Möglichkeit jederzeit über Google Street View oder Überwachungskameras gefilmt werden zu können.

Während wir zu Beginn davon ausgegangen waren, dass vor allem YouTube in der Öffentlichkeits- und Unterhaltungsdebatte eine große Rolle spielen würde, stellte sich im Verlauf des Workshops heraus, dass für die Jugendlichen Instagram, Snapchat und andere soziale Medien sehr viel bedeutender sind. Aus eigenen Erfahrungen wurde berichtet, wie es sich anfühlt, ungefragt in Form einer Story auf Instagram oder eines Videos auf Snapchat hochgeladen zu werden und was es mit einem macht, wenn die Reaktionen nicht nur positiv ausfallen.
Nach dem Erfahrungsaustausch ging es an konstruktive Lösungsansätze:
Die andere Person vor dem Upload um Erlaubnis zu fragen, war einer davon. In der Realität aber kaum umsetzbar, wie sich im Gespräch herauskristallisierte. „Es ist ja dann nur 24 Stunden online“, war eine Aussage, mit der sich die Jugendlichen aus dieser Situation zu retten versuchten. „Letztendlich kannst du nichts dagegen machen“, meinte jemand anders.
Heute müssen sich Jugendliche mit ganz neuen Dimensionen auseinandersetzen. Im Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stehen, heißt im Digitalisierungszeitalter unter Umständen Millionen Menschen weltweit zu erreichen.

Begegnung auf Augenhöhe erleichtert die Selbstreflexion

Nachdem wir inhaltlich mit den Jugendlichen den Film auf verschiedene Aspekte hin untersucht und diskutiert hatten, ließen wir sie noch einmal in Gruppen zusammenarbeiten. Diesmal ging es darum, sich jeweils in die verschiedenen Perspektiven wie „Filmer“, „Gefilmter“ und „Zuschauer“ hineinzuversetzen. Gemeinsam erarbeiteten sie Fragen wie „Warum filmst du es und stellst es online?“, „Wie weit geht man selber, um bekannt zu werden?“, „Warum schaust du das und wo ist dabei deine Grenze?“. Dabei zeigte sich, dass viele der Jugendlichen vor allem die Handykamera mitlaufen lassen, um Erinnerungen festzuhalten und das fast jeder der Teilnehmer täglich eine Story auf Instagram oder Snapchat postet. Die Frage der Grenze bei den Filminhalten war für viele schwierig zu definieren. Peinliche Situationen oder Missgeschicke von anderen wurden zumeist als einfach witzig wahrgenommen. Was die Mehrzahl hingegen als klare Grenze angeben konnte, war Gewalt oder wenn Menschen ernsthafte Schmerzen erleiden. Im Gespräch zeigte sich, dass die wenigsten der Jugendlichen Videos in dem gewaltvollen oder obszönen Maße schauen, wie es die Regisseurin Eef Hilgers in Shame Fame thematisiert. Gemeinsam stellten wir uns somit die Frage, warum sie dann genau diese drastischen Videos auswählte und wie in diesem Zusammenhang der Aspekt Voyeurismus einzuschätzen sei: Wann hin-, wann lieber wegsehen? Den eigenen voyeuristischen Reiz in alltäglichen Situationen thematisierten die 14- bis 15-Jährigen am Beispiel Autounfall ganz offen und zeigten sich sehr reflektiert in Bezug auf ihr eigenes Verhalten.

Shame Fame gibt für die Problematik keinen Lösungsansatz vor, erleichtert aber durch die Begegnung auf Augenhöhe die Selbstreflexion. Die Regisseurin stellt ihren eigenen Voyeurismus dar, versucht den Gründen für diesen nachzugehen und stellt ihn letztlich in Frage. Genau diesen Aspekt erkannten die Jugendlichen und nutzen ihn, um sich kritisch mit ihrem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen.

Über Elisa Hoth

Elisa Hoth ist Studentin an der Martin-Luther-Universität in Halle. Vor dem Studium absolvierte sie ein Praktikum bei einem Radiosender in Berlin, betreute anschließend vier Monate lang den Internetauftritt einer Musikproduktionsfirma in München und unterstützte deren Projekte. Dies führte sie letztendlich zum Bachelor-Studiengang der Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Erziehungswissenschaften. Hier verbinden sich ihre Interessen an der medialen Welt und den darin lebenden Menschen.

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