„Warum bekomme ich keinen Stromschlag?“

Das Digitale lässt sich heutzutage nirgendwo mehr wegdenken. Täglich müssen wir uns mit der fortschreitenden Technik auseinandersetzen. In Form von Spiele- und Messenger-Apps fällt uns die Beschäftigung damit sicher leichter als beim Konfigurieren von Datenschutzeinstellungen. Medienkompetenz steht also ganz oben bei den zu erwerbenden Fertigkeiten. Und wie beim Radfahren lernen Kinder dies eher intuitiv, wenn sie damit möglichst früh und spielerisch in Kontakt kommen. Eine Möglichkeit dazu bietet die HABA Digitalwerkstatt. Was es damit auf sich hat, erzählt uns Laura Keller.

FSF: Laura, wir kennen uns, weil du bei uns mal ein Praktikum absolviert hast und bevor wir dich vollends für uns gewinnen konnten, warst du leider schon woanders untergekommen – bist allerdings dem Thema Medienkompetenzvermittlung treu geblieben, denn du arbeitest bei der HABA Digitalwerkstatt. Was verbirgt sich dahinter?

Laura Keller: Zuerst einmal kann man sagen, die Digitalwerkstatt ist ein kreativer Bildungs- und Erfahrungsraum. Kinder zwischen 6 und 12 Jahren können mit unserer Hilfe die digitale Welt spielerisch entdecken und wichtige Kompetenzen im Umgang mit den neuen Technologien entwickeln. Dafür bieten wir Kurse an, in denen Kinder programmieren lernen, Roboter bauen, Animationsfilme gestalten lernen oder mit 3D-Druck experimentieren – um nur einiges zu nennen.

Die Digitalwerkstatt ist eine Tochterfirma des Holzspielzeugherstellers HABA, der Begriff sagt den Leuten vielleicht eher etwas. Unsere Gründerin Verena Pausder ist vor wenigen Jahren mit der Firmenidee der Digitalwerkstatt zu HABA, die das Projekt befürwortet haben. So sind wir 2016 als erster Standort in Berlin entstanden, mittlerweile gibt es weitere in Deutschland. Aber natürlich gibt es auch viele Anfragen von Eltern außerhalb unserer Standorte, die sich freuen würden, wenn man ihre Kinder vor Ort fit macht. Deswegen gibt es noch die Digitalwerkstatt Box – ein Abomodell und der Besteller. Je nach Modell werden regelmäßig unsere Projekte nach Hause gesendet – meist eine Mischung aus einem Tüftelprojekt und einem Programmierprojekt.

FSF: Und was machst du da genau?

Laura Keller: Ich leite den Bereich Inhalte und Training an einem Unternehmenssitz in Berlin und gestalte so zahlreiche Workshops für Grundschüler bzw. Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren, damit sie altersgerechte kreative Erfahrungen im Bereich digitale Welt sammeln können. In die Realität übersetzt heißt das, Programmieren lernen und sich u.a. mit Robotics auseinandersetzen, also mit verschiedenen altersgerechten Roboticssystemen – zum Beispiel mit einem Bausatz, der zusammengeschraubt werden möchte. Das stößt an sich erst einmal schon auf Spielfreude, weil einige Kinder noch nicht unbedingt einen Schraubendreher in der Hand hatten und nun eben nicht einen bereits fertigen Roboter vor die Nase gesetzt bekommen, sondern ihn selbst zusammenbauen müssen. Dann programmieren wir die Roboter, absolvieren verschiedene Aufgaben: eine Mischung aus analogen und digitalen Aufgaben. Für die meisten klingt das erst einmal kurios, aber man kann Kinder auch auf analogem Wege anleiten, Programmieren zu lernen. Es sollen alle Kinder mitgenommen werden und da müssen wir die jeweiligen vorhandenen oder eben auch nicht vorhandenen Vorerfahrungen berücksichtigen.

FSF: Wie sieht euer Workshopkonzept denn im Speziellen aus?

Innerhalb der Schulkooperationen findet sich eine bunte Mischung. Es gibt Schulen, die nur einmal im Jahr kommen, und andere kommen regelmäßig einmal im Halbjahr oder einmal im Quartal. Das ist auch von den finanziellen Mitteln der einzelnen Schule abhängig, denn einen großen Etat für Medienbildung haben nur wenige Schulen.

Eine klassische Digitalwerkstattwoche mit Berliner Grundschulen bedeutet, Montag bis Freitag kommen Schulklassen vormittags zu uns in die beiden Berliner Standorte: Uns ist jedoch sehr wichtig, eine gemischte Anzahl von Kooperationen zu bedienen und viele verschiedene Schulen zu uns kommen zu lassen. Wir haben z.B. auch sehr viele Kooperationen mit Brennpunktschulen, um Schülern zu demonstrieren, dass man Spiele nicht nur konsumieren kann, sondern auch selbst mitgestalten und sich beim Programmieren von Spielen kreativ ausprobieren kann. Also so ein Computerspiel selbst zu erstellen, ist für die meisten Kinder unvorstellbar.

Und wieder andere Schulkooperationen funktionieren nach dem Projekttag-Muster. Hierbei kommen die Schulen einmalig an einem „Wandertag“ in unsere Digitalwerkstatträume – Kinder mögen solche spannenden Ausflüge.

Es gibt aber auch Schulkooperationen, bei denen die Klassen regelmäßig fünfmal im Schuljahr zu einem 2- bis 3-stündigen Workshop zu uns kommen. Hierbei werden regelmäßige Abstimmungen mit den Lehrern möglich, sodass sich beraten werden kann, welches unserer angebotenen Projekte am besten für den aktuellen Lehrplan geeignet scheint. Zum Beispiel, wenn gerade das Thema Medien im Fokus steht, dann bieten wir bspw. an, mit den Kindern einen Podcast aufzunehmen. Oder sie setzen sich gerade mit dem Thema Weltall auseinander, dann konzipieren wir einen Robotics-Workshop, indem die zusammenzubauenden Roboter einem Marsrover entsprechen, der nicht mit einer Fernbedienung zu steuern ist (die wir in dem vorherigen Workshop programmiert haben), weil der Mars zu weit weg ist. Dann verpassen wir dem Roboter Ultraschallsensoren und programmieren diese so, dass der Roboter Gegenständen ausweichen kann. Damit haben wir einen Weltallbezug hergestellt, der für die Kinder eine ziemlich coole, neue praktische Perspektive zum theoretisch erlernten Teil bietet.

FSF: Wie kann bitteschön Laura eine Fernbedienung programmieren oder den Roboter für seine Marsbegehung umprogrammieren?

Laura Keller: Laura als Kulturwissenschaftlerin und Medienpädagogin hat mit Programmiersprachen ursprünglich natürlich gar keine Berührungspunkte gehabt. Aber wir arbeiten hier in einem total gemischten Team aus Programmierern, Softwareentwicklern, Kulturwissenschaftlern, Medienpädagogen und Lehrern – denn den Ausbildungsberuf oder Studiengang für das, was wir machen, gibt es in Deutschland nicht. Es gibt kaum Absolventen mit Programmierkenntnissen und Pädagogikbackround – und so schulen und informieren wir uns untereinander.

FSF: Was bedeutet das genau, wie hat man sich eure Programmiersprachen vorzustellen?

Laura Keller: Wir nutzen visuelle Programmiersprachen. Darunter kann man sich bunte Puzzleblöcke vorstellen, die aneinander gepuzzelt werden. Denn Programmieren an einer Grundschule kann nicht bedeuten, ein Viertklässler muss beim Erlernen auf kleinste Kommata oder Klammern achten. Das geht natürlich für Kinder so nicht, dafür bedarf es einer kindgerechten Programmiersprache – am besten natürlich einer visuellen. Und die habe ich mir auch angeeignet. Tatsächlich gibt es auch Erwachsene, die dies spannend finden und so einen besseren Zugang zum Thema Programmieren erhalten.
Viele wichtige Programmierkonzepte (Variable, Ereignis, Schleife, Bedingung) stecken in unseren Workshops im Kleinen. Das wird Step-by-Step vermittelt. Außerdem haben wir mittlerweile ein festes Repertoire an Workshops erprobt und entwickeln unsere Inhalte kontinuierlich weiter. Durch die gesammelten Erfahrungen haben wir gelernt, was funktioniert, was nicht so gut funktioniert oder an welcher Stelle sich Offline-Aktivitäten empfehlen. Letztlich wollen wir vermitteln, dass es nicht darum geht, Computer perfekt bedienen zu können, sondern einfach zu realisieren, in welchen Bereichen der PC unvermeidlich ist, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.
Zum Konzept gehören selbstverständlich ordentliche Offline- und Bewegungspausen, denn kein Kind sitzt in unserem Workshop drei Stunden vor dem PC oder Tablet.

© HABA Digital GmbH
© HABA Digital GmbH

FSF: Welche Projekte beinhaltet euer Workshop-Portfolio?

Laura Keller: Neben der Programmier- und Roboticsschiene erarbeiten wir mit den Kindern auch Stop-Motion-Filme, Erklärfilme, Hörspiele und Making-Projekte. Dabei handelt es sich bspw. um einen Malroboter: Das ist ein umgedrehter Becher mit Beinen, in dem ein Gleichstrommotor mit einer Unwucht eingebaut wird, um ihn aus der Balance zu bringen. Beim Anstellen des Motors und Abnahme der Stiftkappen fängt dieser Roboter dann an zu malen. Das ist für die Kinder natürlich sehr spannend, da man ja sonst nicht mit Strom rumspielt oder herum experimentiert, denn Strom ist normalerweise etwas, wovon jedes Kind die Finger lassen sollte. Belohnt wirst du dann mit ganz verblüfften Kinderaugen. Allein schon die Tatsache, den Motor mit Batterien zu verbinden, führt ja oft zu der Frage, „bekomme ich keinen Stromschlag“? Das nutzen wir dann, um darüber zu sprechen, wie viel Strom aus der Steckdose kommt und wie viel Strom eine Batterie enthält.

FSF: Der Einfluss auf den späteren Lebensweg und auf eine mögliche Berufsperspektive, die ihr mit den vermittelten Erfahrungen gebt, ist nicht zu unterschätzen. Wie soll ein Kind sonst herausfinden, ob es für dieses oder jenes geeignet ist oder Spaß an dem Thema hat oder eben auch nicht.

Laura Keller: Ja, den Kindern soll bewusst werden, dass sie nicht nur Apps herunterladen können, sondern u.U. auch selbst programmieren können und dass das nicht utopisch zu erlernen ist. Denn auch zum Programmieren von Apps gibt es ja mittlerweile kindgerechte Programme. Also wir möchten eine Option liefern, auch wenn dabei vielleicht herauskommt, dass „Max“ das nicht so spannend findet – auch das ist wichtig. Mittlerweile wird so viel digitalisiert und man ist überall von Technik umgeben, dass dies nur ein Zugewinn sein kann. Denn ein Kind hinterfragt ja eher selten, ob es ein Spiel mitbestimmen kann. Gerade auf die Zukunft bezogen sollten Kinder realisieren, dass sie Aufgaben nicht nur „über sich ergehen“ lassen müssen, sondern sie teilweise aktiv mitgestalten können. Daher ist es uns wichtig, auch Brennpunktschulen miteinzubeziehen, um alle Kinder zu erreichen – und: über die Schulklassen auch die Mädchen ansprechen zu können. Es kommen zwar auch jetzt schon viele Mädchen über private Initiativen zu uns – und kommen auch wieder, aber z.B. zu unseren Feriencamps werden doch überwiegend die Söhne angemeldet. Mädchen sollten auch die Möglichkeit erhalten, ihre Kreativität zu erkennen und sie durch das Programmieren ausleben zu können.

Ich möchte aber auch betonen, dass der Fokus unserer Arbeit nicht darauf liegt, die Programmierer oder IT-Techniker von morgen auszubilden. Natürlich erhalten die Kinder bei uns spielerisch Wissen über diese Bereiche, aber es gibt sogenannte 21st Century skills oder 4 K-Metakompetenzen: Kommunikation, kritisches Denken, Kreativität und Kollaboration. Und diese Metakompetenzen werden bei uns vermittelt.

FSF: Kannst du dafür mal ein Beispiel nennen?

Laura Keller: Gern. Alle unsere Workshops basieren auf Teamarbeit, denn für die Arbeit von morgen ist klar, man arbeitet nicht allein – Teamskills sind also total wichtig. In manchen Schulen kommt diese Vermittlung – aus welchen Gründen auch immer – etwas zu kurz. Auch ist uns ein Anliegen, herauszustellen, dass bei uns Fehler gemacht werden dürfen. Beim Programmierenlernen sind Fehler erlaubt. Anders als in der Schule, wo Fehler schlechte Noten nach sich ziehen, bieten wir einen Raum, in dem es absolut in Ordnung ist, Fehler zu machen. Denn beim Programmieren musst du rumprobieren und beim Roboter vielleicht noch einmal die Schraube aufdrehen, weil etwas vergessen wurde. Ebenfalls gehört dazu, eine Frustrationstoleranz zu entwickeln, denn manches klappt nicht immer beim ersten Mal – sowohl in der Teamarbeit als auch mit der Technik. Hier ist interessant zu beobachten, wie die Teilnehmer re/agieren. Warten sie ab, bis Hilfe kommt, oder probieren sie einfach selbst neu. Und wir ermutigen Kinder immer dazu, den Fehler erst einmal allein zu finden.

HABA Digital GmbH © Alex Schelbert
HABA Digital GmbH © Alex Schelbert

FSF: Das hört sich sehr sympathisch an! Du erwähntest Feriencamps und Anmeldungen von Eltern. Also kommen nicht nur Schulklassen zu euch?

Laura Keller: Entweder hören Eltern Empfehlungen von Freunden oder informieren sich online. Innerhalb der Woche haben wir auch fortlaufende Kurse. Also bspw. jeden Mittwoch acht Wochen lang gibt es den Kurs „Kreatives Programmieren“ – zu dem Kurs kommt dann in dieser Zeit immer die gleiche Gruppe von Kindern.

FSF: Diese Kurse beziehen sich dann aber nur auf die Kinder. Die Eltern sind nicht dabei?

Laura Keller: Ja, die Kurse unter der Woche sind nur auf die Kinder zugeschnitten. Aber es gibt auch einmalige Wochenendworkshops zu bestimmten Themen. Und da bieten wir auch Familienworkshops an, in denen mehrere Kleingruppen (Duo aus einem (Groß-)Elternteil oder ein/e Tante/Onkel und einem Kind) teilnehmen können. Es ist total spannend, anzusehen, wie das Team zusammen im Workshop agiert. Also der erwachsene Part sitzt nicht nur daneben und ist Begleitperson, sondern wird aktiv am gemeinsamen Projekt eingebunden.

Zusätzlich sind auch Eintageskurse für eine Kindergruppe buchbar, z.B. für ein Kindergeburtstag. Und wir bieten Kurse innerhalb von Feriencamps an.

FSF: Wo finden die Workshops statt?

Laura Keller: Überwiegend finden sie in unseren Räumen statt. Ab und zu halten wir, wie oben schon beschrieben, unsere Kurse in den Schulen ab. Aber oft ist es so, dass der Standard einer deutschen Schule nicht mal WLAN vor Ort hält oder einen Computerraum – da gibt es einige Hürden. Auch die Lehrer kommen mit unterschiedlichen Erwartungen zu uns. Manche sind sehr interessiert. Wir sehen unsere Workshops auch als Chance für Lehrkräfte, sich entspannt mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wir laden sie dazu ein, mitzumachen und auch mal einen Roboter zusammenzubauen und zu programmieren, um ihnen zu demonstrieren, es ist kein Hexenwerk. Schließlich bieten wir auch Fortbildungsmöglichkeiten für Lehrer an.

FSF: Liebe Laura, du hast einen sehr interessanten Arbeitsplatz. Wir bedanken uns sehr, dass du uns darüber berichtet hast.

Das Interview wurde geführt von Sandra Marquardt, FSF.

 

Falls noch Fragen offen geblieben sind, unter digitalwerkstatt.de gibt es weitere Informationen.

Über Sandra Marquardt

Sandra Marquardt hat 2010 ihr Magisterstudium in Filmwissenschaft und Publizistisk- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin abgeschlossen. Seit 2011 arbeitet sie als Onlineredakteurin bei der FSF.

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