Der Rhein-Ruhr-Ripper. Dokumentarische Ausweidungen

True Crime ist angesagt. Und darf’s ein bisschen mehr sein? Die Streamingportale und Mediatheken quellen mit Formaten über, die sich wahren Verbrechensgeschichten widmen. Der Markt wird dominiert von US-Formaten, aber deutsche Anbieter holen auf. Gemordet wird ja auch hier. Während viele Formate auf schnell konsumierbare Einheiten setzen, entwickeln sich vor allem im Streamingbereich epischere Formate, die auf eine ausgedehnte Erzählung bestimmter Aspekte setzen. Seit dem 13. Mai 2021 ist auf TVNOW nun so ein Angebot zu sehen, der eigenproduzierte Doku-Vierteiler Der Rhein-Ruhr-Ripper.

 

True-Crime-Offensive

TVNOW selbst spricht von einer „True Crime Offensive“ und bewarb das Format als ein Streaming Highlight im Mai. In der Ankündigung (Presseportal TVNOW) heißt es dazu: „Exklusive Interviews und Tonaufnahmen von Frank Gust und weiteren Zeitzeugen wie seiner Mutter und einer Exfreundin geben Einblicke in das Leben des Rhein-Ruhr-Rippers. Daneben kommen auch Experten wie Kriminalpsychologe und FBI-Profiler Prof. Dr. Thomas Müller zu Wort.“ Doch auch die Zukunft von Frank Gust spiele eine Rolle, da er seit dem Jahr 2000 zwar in lebenslänglicher Haft sitze, allerdings ohne nachfolgende Sicherheitsverwahrung. Somit bestehe die Möglichkeit, dass der 51-Jährige bald aus der Haft entlassen werde. Ein Horrorszenario. In dieser Tonlage steigt gleich die erste Episode in das Panorama von Frank Gusts Grausamkeiten ein.

 

Kein Unbekannter

Der Mehrfachmörder Gust ist in den medialen Verwertungsmaschinen kein Unbekannter. 2017 erschien das zweite Gust-Buch Der Rhein-Ruhr-Ripper Frank Gust: Interviews der Kriminologin Petra Klages, die in dem Vierteiler als Expertin auftritt und Gusts Taten recht abgeklärt erläutert. Gusts Sadismus ist zum Teil schwer erträglich. Selbst RTL warnte vorsorglich vor „traumatisierenden“ Szenen der Doku. Aber noch schwerer zu ertragen ist die mediale Resonanz, die diesem Täter seit seiner Überführung und Verurteilung zuteilwird. So wurde der Mörder Frank Gust seit dem Prozess zu einer Medienpersönlichkeit, was auch daran lag, dass der Gerichtsprozess in Teilen von TV-Kameras festgehalten wurde und Gust auch sehr auskunftsfreudig war. Nur einiges sei hier angeführt: 2001 beispielsweise eine 37 Grad-Produktion des ZDF mit dem Titel Die Hölle in mir, die den Fall thematisierte, ebenso die Dokumentation Das Böse nebenan – wenn Menschen zu Bestien werden (VOX, 2010). 2018 gab es eine Spezialausgabe Aktenzeichen XY, in der Kriminalpsychologin Lydia Benecke die Psyche des Täters erläuterte. Und dann ist da noch die Mutter von Frank Gust: Dagmar Eichhorn, die unter anderem schon bei Markus Lanz (2010) und Sandra Maischberger (2012) rumsaß und ihre nicht ganz unbedenkliche Sicht der Dinge ausbreitete. Vieles von dem wird nun im Rhein-Ruhr-Ripper nochmal erzählt, allerdings bestückt mit vielen, ja sehr vielen, O-Tönen des Mörders aus den Interviews mit Petra Klages. Das schafft eine neue Qualität, die der Täterperspektive großen Raum einräumt. Und das ist auch das Problem.

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facebook.com: RTL.de vom 25. Mai 2021: Der Rhein-Ruhr-Ripper

Deskriptiv und distanzlos

Das True-Crime-Doku-Format berichtet eindringlich vom Lebensweg und von den grausamen Verbrechen des Serienmörders. Es kommen Angehörige, Lebensgefährtinnen, Ermittler, eine Kriminologin und Experten zu Wort. Vom Täter sind sehr viele originale Bild- und Tonaufnahmen integriert, teilweise auch Homevideos. Schön spooky. Zudem werden häufig affektorientiert erschütternde, zuweilen entwürdigende Leichenbilder (Tiere und Menschen) als illustrative Marker ins Bild gesetzt. Natürlich wird über die bevorstehende Freilassung des Täters spekuliert, was einen starken Angst-Trigger darstellt. In Folge eins geht es um die detaillierte Schilderung von Gusts Kindheit und Jugend. In dieser Zeit entwickelte sich bereits sein extremer Sadismus, den er zunächst an Tieren, dann durch nekrophile Taten und schließlich an Frauen auslebte. In Folge zwei geht es um die Eskalation des Sadismus, die zum ersten Mord führte: Tramperin Katherine Thomson. Es folgen die weiteren Morde in allen Details. Wer das Geschehen und auch die psychologisierende Lesart journalistisch salopp verpackt goutieren möchte, kann beispielsweise den SPIEGEL-Artikel Ein nützlicher Mörder von Hauke Goos (2005) nehmen. Da ist alles drin, es liest sich wie das Script zur Doku. Das True-Crime-Doku-Format widmet sich biografischen und psychologischen Hintergründen der Taten Gusts, weist aber ein hohes Maß an spekulativer, reißerischer Inszenierung auf. So lebt das Format von einer dichten und detaillierten Schilderung brutaler Gewaltakte, kontrastiert von teils romantisierenden, distanzlosen Schilderungen durch Angehörige und Lebenspartnerinnen, die ein höchst ambivalentes Bild zeichnen und auch eine beklemmende Milieustudie darstellen. Die Mutter berichtet beispielsweise von SM-Partys ihrer Freundin Margit, zu der sie ihren Sohn mitnahm. Die Schilderung absurder Grausamkeiten (Sex mit Leichen, Penetration von Tieren, Ausweidungen und Verstümmelungen der Mordopfer, Quälereien) ist intensiv und wird durch Reenactments illustriert, die aber eher symbolisch sind. Original footage ist ja genug da. Drastische, obgleich teils verfremdete Leichenbilder sind ebenfalls zu sehen. So beginnt die dritte Episode mit dem grausamen Leichenfoto des zweiten Opfers Svenja. Der Ermittler berichtet, dass ihr das Herz aus dem Körper gerissen und zwischen die Beine gelegt wurde. Gust habe dies bei seiner Vernehmung mit den Worten kommentiert: „Sie hatte ihr Herz eh in der Fotze“. Alles muss raus!

Von Beginn an setzt das Format auf originale Bild- und Tonaufnahmen von Gust sowie auf Schilderungen der Experten und Ermittler, die der Täterpsyche einen großen Raum einräumen. Deren Einschätzungen wirken zuweilen distanzlos und lassen viele problematische Aspekte unhinterfragt stehen. So wird auch schon mal von „Frank“ gesprochen (2. Episode), die Zuschauenden sind sozusagen auf „Du und Du“ mit dem Täter. Auch die Passagen mit der Mutter oder den Lebensgefährtinnen sind grenzwertig, da sie unreflektiert zumeist selbstschützende Aussagen treffen, die eine Einfühlung in den Täter nahelegen. So berichten die Mutter sowie Freundin Aysel davon, dass sich Gust ihnen anvertraute, sie aber nicht offiziell Anzeige erstatteten. Auch dieser Umstand wird kaum hinterfragt oder erläutert, obwohl dies im Kontext des Strafrechts (StGB §138: Nichtanzeige geplanter Straftaten) eigentlich höchst interessant wäre. Das schwierige Thema Kindesmissbrauch, von dem Gust aber auch seine Mutter offensichtlich betroffen waren, spielt ebenfalls eine Rolle. Hier gibt es detaillierte Beschreibungen ohne weitergehende Einordnungen (3. Episode – Schilderung Gust über sexuellen Missbrauch: „geblutet wie Sau“). Und die frühere Freundin Diana formuliert in der vierten Episode: „Ich würde ihn wahnsinnig gern wiedersehen und einfach mal umarmen…“.

 

FSF: freigegeben ab …?

FSF-Altersfreigabe ab 18 Jahren

Der FSF-Prüfausschuss sah einhellig vor allem in der narrativen Gesamtanlage der Serie eine sozialethische Desorientierung. So setzen die Episoden auf den Schauwert grausamer Details der Taten und nehmen recht deutlich die Täterperspektive Gusts als Mittel der Spannungserzeugung ein (O-Ton Gust: („Ich hatte mir ausgemalt, während ich in sie eindringe, sie lebendig auszuweiden.“). Der FSF-Prüfausschuss sah durch die, von den Gewalttaten faszinierte, spekulative Aufbereitung der Gust-Story auch Risiken einer Desensibilisierung für unter 18-Jährige. Die Serie ist für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren entwicklungsbeeinträchtigend, die sich zudem in diesem Alter noch in Orientierungsphasen befinden und hier mit verstörenden sexuellen Details eines Serienmörderlebens konfrontiert werden, wobei immer auch der Eindruck einer Normalität im Unnormalen suggeriert wird (z.B. Homevideo Weihnachten 1996). Simple, oft problematische Kausalitäten (3. Episode: Petra Klages: „Pädosexuelle kommen ja häufig aus der Kinder- und Jugendhilfe“) werden naiv behauptet und nicht kritisch beleuchtet. Ebenso sind bei genannter Altersgruppe auch Aspekte einer Ängstigung nicht außer Acht zu lassen, da die Taten eine außerordentliche Grausamkeit aufweisen. Der Prüfausschuss bewertete alle vier Episoden wegen der Brutalität und durch den spekulativen Gesamtkontext für unter 18-Jährige als höchst problematisch. Die dokumentarische Form bietet wenig Entlastendes oder Erhellendes, dafür aber viel spektakuläre, erschütternde Gewaltdetails mit psychologisierendem Aroma.

Zur dieser und weiteren ProgrammInfos auf der FSF-Website geht es hier.

Pay-TV-Anbieter oder Streamingdienste können eine Jugendschutzsperre aktivieren, die von den Zuschauern mit der Eingabe einer Jugendschutz-PIN freigeschaltet werden muss. Somit gelten die üblichen Sendezeitbeschränkungen und Schnittauflagen nicht. Weitere Informationen zu Vorschriften und Anforderungen an digitale Vorsperren als Alternative zur Vergabe von Sendezeitbeschränkungen sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 3 Nr. 1; § 9 Abs. 2 JMStV) sowie in der Jugendschutzsatzung der Landesmedienanstalten (§ 2 bis § 5 JSS) zu finden.”

Bitte beachten Sie: Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir jede Woche neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehprogramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern vorgelegt werden.

 

Links und Quellen:

Links zuletzt geprüft am 01. Juni 2021

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Über Uwe Breitenborn

Dr. Uwe Breitenborn, hauptamtlicher Prüfer der FSF, Dozent und Autor, Bildungsreferent der Medienwerkstatt Potsdam, zahlreiche Veröffentlichungen zur Mediengeschichte, Musiksoziologie, und Kulturwissenschaft. Von 2014-2019 Vertretung der Professur Onlinejournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Zuvor u.a. Arbeit an der Martin-Luther-Universität Halle und beim DRA Babelsberg.

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