Devs. Garlands Determinismus.

Devs verändert alles. So raunt der Programmierer Sergei gleich in der ersten Episode. Auch FOX präsentiert die Serie Devs mit diesem Satz. Könnte schon sein! Oder auch nicht. Ab 19. August, 21 Uhr, startet die aufregende Miniserie in Deutschland – in wöchentlicher Ausstrahlung.

Die US-Miniserie ist ein achtteiliger Sci-Fi-Tech-Thriller von Alex Garland, bei dem es um undurchsichtige Vorgänge in dem Technologiekonzern „Amaya“ geht. In diesem Thriller-Paket steckt aber vor allem eine gehörige Portion Philosophie, was es von anderen Produktionen abhebt und nicht nur in der Sci-Fi-Community und bei Tech-Freaks für Diskussionen sorgen wird. Die Thrillerserie setzt sich mit Potenzialen von KI und Quantencomputern sowie mit der Frage auseinander, inwieweit wir aus freiem Willen handeln, oder ob nicht jeder Lauf der Dinge vorbestimmt ist. An diese deterministische Auffassung knüpft das Projekt „Devs“ an. Ist es möglich, Algorithmen zu kreieren, mit denen jeder Moment der Existenz darstellbar ist – Vergangenheit wie Zukunft – und sich damit auch das Handeln der Menschen vorausberechnen lässt? Elektrisierende Frage!

Devs ist ein weiteres stylisches Produkt aus dem Hause Garland. Das britische Wunderkind sorgte mit seinen beiden ersten Filmen Ex Machina (2015) und Annihilation (2018) schon für Aufsehen. Bekannt wurde Alex Garland doch zunächst aufgrund seines Debütromans The Beach, der von Danny Boyle mit Leonardo DiCaprio verfilmt wurde, sowie durch seine Drehbücher für 28 Days Later, Dredd, Sunshine und Alles, was wir geben mussten. Auch für Devs schrieb er die Drehbücher und ist zudem Produzent und Regisseur der Serie. Wer Ex Machina mag, wird von Devs begeistert sein.

Die Serie ist cool inszeniert, besitzt einen hohen Schauwert und fasziniert mit ihrer komplexen philosophischen Geschichte, in der vieles zusammenkommt: Hacks, Quantencomputer, Jesus, Hipster, Hippies, Killer, Industriespionage, Gerontologie, Codes, Determinismus. Angesiedelt natürlich im Großraum San Francisco. Analogien zur teils spiritualistisch und esoterisch aufgeladenen Arbeitswelt im Silicon Valley sind naheliegend.

 

DEVS | neue Sci-Fi-Serie | Ab 19. August, mittwochs 21:00 Uhr nur auf FOX | youtube.com/watch?v=kv5_5zR-xmM

Die Serie konzentriert sich einerseits auf die jugendlich wirkende Softwareingenieurin Lily Chan (Sonoya Mizuno), die klar als Identifikationsanker dient, sowie auf die ambivalenten Personen aus der Führung des Tech-Konzerns, allen voran der zwielichtige CEO Forest (Nick Offerman). Kurz nachdem die Softwareingenieurin Lily gemeinsam mit ihrem Freund Sergei Pavlov (Karl Glusman) bei der Firma Amaya anheuert, wird er ermordet. Lily glaubt nicht an den scheinbar dokumentierten Suizid. Ihre Recherchen drehen sich um das geheimnisvolle Firmenprojekt Devs, in das Sergei kurz zuvor involviert war. Der Name steht für „Developers“.

Schon die spannende Grundanlage der Geschichte ist außerordentlich einnehmend, hinzukommt ein attraktives, modernes Produktionsdesign und die exzellente Kameraarbeit von Rob Hardy, mit dem Garland auch seine anderen Filme bestritt. San Francisco im milchigen Licht, die Devs-Zone als futuristischer Tech-Tempel und ein großartiger Cast entwickeln ihren Sog. Lars Weisbrod meint in der ZEIT, wer Devs gesehen habe, bekomme diesen seltsamen Mann Forest, gespielt von Nick Offerman, lange nicht aus dem Kopf. „Der Entrepreneur schiebt seinen prächtigen Bauch vor sich her wie ein Althippie am Strand von Thailand; während eines Meetings stopft er sich mit den Fingern Feldsalatblätter in den Mund, dass man fürchtet, die Hälfte bleibe in seinem rauschenden Unterholz-Bart hängen. Und dennoch kommt nie ein Zweifel daran auf, dass dieser traurige Mann mit aller Brutalität verfolgt, was man im Silicon Valley eine ‚Vision‘ nennt.“

 

Auch für Kinder und Jugendliche anregend

Inszenierung und Dramaturgie der Serie setzen auf einen ruhigen, dialoglastigen Erzählfluss, der mit teils psychedelischer Anmutung sukzessiv Spannung aufbaut, die sich aus den mysteriösen Vorgängen, aber auch aus dem futuristischen Plot ergibt, der gar nicht so futuristisch ist, wie er zu sein scheint. Raffiniert werden Fragen künstlicher Intelligenz und deren Potenziale, grenzenlosen Zugriff auf Raum und Zeit zu besitzen, reflektiert. Das ist auch für Kinder ab 12 Jahren schon interessant. Das ruhige, elegante Setting bietet genügend Entlastung und Distanzierungsmomente, die die drei von der FSF geprüften Episoden als gut verkraftbar und nicht nachhaltig ängstigend für ab 12-Jährige wirken lassen. Allerdings existieren in der ersten Episode auch drastische Gewaltspitzen, so dass nicht alle Episoden in der integralen Fassung ab 12 Jahren freigegeben werden konnten. Abträglich wirkende oder entwicklungsbeeinträchtigende Identifikationsmuster sind in der Serie nicht auszumachen. Im Gegenteil. Die Serie ist ein künstlerisch anspruchsvolles Angebot, sich mit Fragen von KI und damit einhergehenden ethischen Fragen auseinanderzusetzen.

Wer mag, kann das auch auf aktuell-politische Diskurse beziehen und über Potenziale von Überwachungstechnologien sprechen. Garland selbst erliegt nicht der Versuchung, die Frage nach der Willensfreiheit „aktualisieren“ zu wollen, so Weisbrod in der ZEIT, denn sie ist eher philosophischer Natur. Das Themenfeld Determinismus scheint ohnehin en vogue zu sein, was sich auch im Erfolg der Netflix-Serie Dark zeigt.

Stellt sich noch die Frage für Filmfreaks, ob es einen Zusammenhang zwischen Devs und Garlands Film Auslöschung gibt? In diesem Film entern nach zirka 40 Minuten Laufzeit die fünf Wissenschaftlerinnen in der Schimmer-Zone das verlassene, apokalyptische Fort Amaya. Amaya? Jener Name des Devs-Tech-Konzerns. Wenn das keine Vorsehung ist?

FSF-Altersfreigaben: 16 Jahre –Spätabendprogramm und 12 Jahre – Hauptabendprogramm

Zu weiteren ProgrammInfos der FSF auf unserer Website geht es hier.

Pay-TV-Anbieter oder Streamingdienste können eine Jugendschutzsperre aktivieren, die von den Zuschauern mit der Eingabe einer Jugendschutz-PIN freigeschaltet werden muss. Somit gelten die üblichen Sendezeitbeschränkungen und Schnittauflagen nicht. Weitere Informationen zu Vorschriften und Anforderungen an digitale Vorsperren als Alternative zur Vergabe von Sendezeitbeschränkungen sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 3 Nr. 1; § 9 Abs. 2 JMStV) sowie in der Jugendschutzsatzung der Landesmedienanstalten (§ 2 bis § 5 JSS) zu finden.”

Bitte beachten Sie: Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehprogramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern und externen Antragstellern vorgelegt.

 

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Über Uwe Breitenborn

Dr. Uwe Breitenborn, hauptamtlicher Prüfer der FSF, Publizist, Dozent und Autor, zahlreiche Veröffentlichungen zur Mediengeschichte, Musiksoziologie, Sozial- und Kulturwissenschaft. Von 2014-2019 Vertretung der Professur Onlinejournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Zuvor u.a. Arbeit an der Martin-Luther-Universität Halle und beim DRA Babelsberg.

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