Information und Zerstreuung – Das TV-Jahr 2020

Wenn man die eigenen vier Wände nur noch aus triftigem Grund verlassen darf, kommt dem Fernsehen automatisch eine besondere Bedeutung zu. Pandemiegewinner Nummer eins waren die Streamingdienste Netflix, Amazon Prime und Disney+, aber auch die klassischen TV-Sender haben von den allgemeinen Beschränkungen profitiert; gerade in den Lockdown-Monaten lag die durchschnittliche Sehdauer (im Jahresschnitt 2020 bei 220 Minuten pro Tag) deutlich über den Werten des Vorjahres.

Einerseits wollten die Menschen auf dem Laufenden bleiben, andererseits sehnten sie sich nach Zerstreuung, wie ein RTL-Sprecher bestätigt: „Während der Pandemie hat sich ein verstärktes Bedürfnis unserer Zuschauer nach Information und Unterhaltung gezeigt.“ Allein zum Thema Corona habe der Sender 27-mal sein Programm für ein RTL Aktuell Spezial geändert. Die Hauptnachrichtensendung  habe um 1,9 Prozentpunkte auf 18,5 Prozent bei den 14- bis 59-Jährigen zugelegt. Auch die Sondersendungen hätten sehr gute Marktanteile von im Schnitt bis zu 21,8 Prozent (14-59) erzielt. Der ebenfalls zur RTL-Gruppe zählende Nachrichtensender ntv hat ebenfalls deutlich davon profitiert, dass 2020 ein nachrichtenintensives Jahr war, schließlich galt das Informationsbedürfnis neben Corona auch dem Brexit und den Präsidentschaftswahlen in Amerika. ntv konnte seine Marktanteile in allen Zielgruppen steigern und lag bei den 14- bis 59-Jährigen mit 1,3 Prozent um 35 Prozent über dem Vorjahr, bei den 14- bis 49-Jährigen sogar um 53 Prozent (1,4 Prozent).

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Nicht nur während der beiden „Shutdowns“ im Frühjahr und mit Winterbeginn hatte das Fernsehen quasi ein Unterhaltungsmonopol; auch in den Sommermonaten war das öffentliche Unterhaltungsangebot stark reduziert. Entsprechend groß war quasi als Ausgleich zum Informationsbedürfnis die Lust der Menschen auf Zerstreuung; gerade die Privatsender konnten sich in dieser Hinsicht über Topquoten freuen.

Ganz vorn auf der RTL-Rangliste tummeln sich bekannte Programmmarken wie Ich bin ein Star, holt mich hier raus, Bauer sucht Frau und Wer wird Millionär?. Der Tanzwettbewerb Let’s Dance war so erfolgreich wie seit sechs Jahren nicht mehr, Ninja Warrior Germany sogar so erfolgreich wie noch nie. ProSieben profilierte sich mit den Castingshows The Masked Singer, Germany’s Next Tompmodel und The Voice of Germany, die SAT.1-Knüller des Jahres stammten aus dem Bereich Reality-TV (Promis unter Palmen, Promi Big Brother).

Natürlich konnte Corona auch im Unterhaltungsbereich nicht komplett ignoriert werden. Gerade im Frühjahr mussten einige Shows verschoben werden. ProSieben hatte The Masked Singer kurz zuvor gestartet und die Staffel fortan ohne Studiopublikum durchgezogen; der eingespielte Applaus stammte aus den ersten Ausgaben. In den Showmoderationen aller Sender wurde den Zuschauenden, wie es ARD-Programmdirektor Volker Herres formuliert, „das Gefühl vermittelt, dass sie nicht alleine sind und dass es bei allen negativen Nachrichten Hoffnung gibt.“

An der Spitze der erfolgreichsten fiktionalen TV-Produktion stand auch 2020 mit den Episoden Limbus (13,1 Millionen Zuschauer) und Es lebe der König (13,6 Millionen) der Tatort aus Münster. Klammert man Sportübertragungen und Sonntagskrimis aus, wird die Top Ten der ARD von der Tagesschau dominiert. Konkurrenzlos an der Spitze liegt mit über 12,5 Millionen Zuschauenden die Ausgabe vom 22. März 2020; das war der Tag, an dem sich Bund und Länder erstmals auf eine umfassende Einschränkung der sozialen Kontakte geeinigt haben. Auch die Mediengruppe RTL erzielte an diesem Tag einen Spitzenwert: 34,47 Millionen Menschen haben damals ihre digitalen Informationsangebote genutzt; der Wert für die durchschnittliche tägliche Nutzung liegt bei etwas über 24 Millionen. Am 13. Dezember 2020 dürfte die Zahl ebenfalls hoch gewesen sein. Allein das ARD extra zur Corona-Lage erreichte ein Publikum von 11,7 Millionen Menschen; an diesem Tag haben die führenden Köpfe der Länder gemeinsam mit der Bundeskanzlerin beschlossen, die im November veranlassten Maßnahmen („Lockdown light“) zu verstärken.

Ähnlich herausragende Zahlen wie die Informationsangebote von RTL hat auch das ZDF erzielt. Der Marktanteil der heute-Sendungen um 19 Uhr ist 2020 gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent gestiegen, bei den 14- bis 49-Jährigen sogar um eindrucksvolle 63 Prozent. Auch die 59 Corona-Sondersendungen, die das „Zweite“ als ZDF spezial gezeigt hat, erreichten regelmäßig Zuschauerzahlen über dem Senderschnitt.Die Nutzung des Informationsangebots in der ZDF-Mediathek ist im Vergleich zu 2019 sogar um 60 Prozent gewachsen. Unterm Strich war das ZDF beim Gesamtpublikum auch 2020 wieder der meistgesehene deutsche Sender. Die ZDF-Übertragung des Champions League-Finale zwischen dem FC Bayern München und Paris Saint-Germain war mit gut 12,8 Millionen Zuschauenden im ZDF (fast 40 Prozent Marktanteil) die erfolgreichste Sportübertragung des Jahres und bei den 14- bis 49-Jährigen (4,35 Millionen/42,2 Prozent Marktanteil) sogar die erfolgreichste TV-Sendung überhaupt. Kein Wunder, dass Intendant Thomas Bellut ein rundum positives Fazit zieht: „Das ZDF hat seinen nationalen Programmauftrag in diesem schwierigen Jahr mit großem Erfolg umgesetzt.“ Ihn freut besonders, dass im linearen Fernsehen wie auch in der Mediathek deutlich mehr jüngere Zuschauende erreicht worden seien.

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Lesetipp der Redaktion
Zu den Entwicklungen in der Film- und Serienproduktionen während des Corona-Ausbruchs hat Tilmann P. Gangloff im Spätsommer 2020 Christoph Palmer, Geschäftsführer der Produzentenallianz, befragt:

„Es ist höchste Eile geboten“. Sender, Produzenten, Schauspieler und Filmtechniker wollen solidarisch der Krise trotzen und fordern einen Ausfallfonds für TV-Produktionen

Über Tilmann P. Gangloff

Tilmann P. Gangloff ist Journalist und Autor. Er lebt und arbeitet in Allensbach am Bodensee. Als freiberuflicher Medienfachjournalist sowie Fernseh- und Filmkritiker arbeitet er für Fachzeitschriften wie epd medien, Blickpunkt:Film, tv diskurs, das Internetportal tittelbach.tv und diverse Tageszeitungen. Schwerpunktgebiete seiner Arbeit sind Fernsehfilme, Programmentwicklung, Formatfernsehen, Jugendmedienschutz und Kinderprogramme.

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