Street-Comedy auf YouTube – ein (neuer) Trend

Auf YouTube findet sich mittlerweile alles, was das Herz begehrt. Von Koch- und Einrichtungsvideos über Fitnessworkouts bis hin zu politischen Talks. Was jedoch immer stärker trendet, sind comedyartige Formate. Darunter fallen sogenannte Pranks, inszenierte Streiche, die auf Video aufgezeichnet werden oder auch Street-Comedy-Videos. Street Comedy ist den meisten sicher noch aus dem Fernsehen bekannt. Wer erinnert sich nicht an Simon Gosejohann, der für das gehypte Format Comedy-Street wildfremde Passanten mit absurden Szenarien oder Verkleidungen konfrontierte, um ihnen eine möglichst unterhaltsame Reaktion zu entlocken.

Street-Comedy-Videos nehmen mittlerweile einen festen Bestandteil im YouTube-Kosmos ein und sind aufgrund ihres Unterhaltungscharakters insbesondere bei Kindern und Jugendlichen beliebt. Dabei geht es nicht nur um den Inhalt an sich, sondern vor allem um die Person, die durch die Videos führt und sich wie Gosejohann köstlich über die Reaktionen anderer amüsiert. Einer, der dies auf YouTube ziemlich erfolgreich praktiziert, ist Guido Koch, bekannt unter dem Künstlernamen UrgeON. Guido Koch ist 24 Jahre alt und lädt auf seinem YouTube-Kanal regelmäßig Street-Comedy-Videos hoch. Dabei lässt er sich filmen, wie er fremde Leute zu Beziehungstipps, Lebensweisheiten, aber auch intimen Fragen auf komödiantische Art und Weise interviewt. Interviewpartner sind dabei oftmals Minderjährige – klar, schließlich will Koch ja auch eine junge Zielgruppe ansprechen.

urgeON bei YouTube: Wie ist dein Zeugnis geworden? Betrunkene MÄDCHEN KLÄREN?! vom 01.07.2018

 

„Das nutzen wir heute aus und machen daraus einfach mal ein Video“

Ein Video des YouTubers, welches mit 3,8 Millionen Aufrufen förmlich durch die Decke gegangen ist, trägt den Titel: Wie ist dein Zeugnis geworden. Betrunkene MÄDCHEN KLÄREN. Videosetting: Tag der Zeugnisausgabe, viele Jugendliche feiern den letzten Schultag und Beginn der Ferien auf dem School´s Out Festival in Braunschweig. Es wird Alkohol getrunken, die Stimmung ist ausgelassen und Koch, der ist samt Kamera und Mikrofon mittendrin. Der YouTuber will den Moment und ein paar lustige Szenen einfangen, oder wie er es zu Beginn des Videos formuliert: „Schools Out ist dafür bekannt, dass hier einfach Minderjährige sich so hart die Kante geben, dass sie mit dem Krankenwagen abgeholt werden müssen. Das nutzen wir heute aus und machen daraus einfach mal ein Video.“ Und so läuft Koch, begleitet von einem Kameramann, durch die Massen und fragt überdrehte Jugendliche, wie ihr Zeugnis war, ob sie schon viel Alkohol getrunken haben und ob sie noch jemanden „klären“ wollen. Im Fokus sind dabei vor allem junge Mädchen, teilweise erst 14, 15 Jahre alt. Einige sind deutlich alkoholisiert und rauchen, der Großteil wirkt etwas verwirrt oder kichert über die ungenierten Fragen. Schlechte Zeugnisnoten werden teilweise ins Lächerliche gezogen, ganz nach dem Motto: Was sind schon Schulnoten? Viel wichtiger ist es, Spaß zu haben und Alkohol zu trinken. Und Koch, der hält voll drauf, schüttelt zwar ab und zu den Kopf, lässt das Gesagte aber meist so stehen.

Klickt man sich durch die Videos von Koch, so wird schnell deutlich, dass Alkoholkonsum und Sexualisierung wiederkehrende Themen sind. Ein Video, welches zum Männertag aufgenommen wurde, zeigt wieder Minderjährige, die fast schon stolz darauf sind, nicht mehr richtig stehen zu können. Wieder werden vor allem junge Mädchen gefragt, wie man sie am besten „abschleppen“ könnte. Eine Antwort: „Mit Alkohol kann man sie abschleppen.“ Neben Alkohol wird kurzzeitig auch darüber gesprochen, ob Cannabis legalisiert werden sollte. Ein klares „Ja“ auf die Frage gibt es von einem jungen Mann, der sich selbst als leidenschaftlichen Kiffer bezeichnet. Zum Beweis wird ein Joint in die Kamera gehalten.

Problematische Inhalte und öffentliches Bloßstellen

Kochs Videos zum School Out, Vatertag oder verschiedenen Volksfesten erhalten überdurchschnittlich viele Klicks und sind vor allem bei Jüngeren beliebt. Warum das so ist, liegt eigentlich auf der Hand. Hauptprotagonisten in den Videos sind junge Menschen. Zudem werden die Videos durch jugendaffine Memes, Bilder und Musik begleitet. Die zentralen Themen knüpfen an der Lebenswelt junger Menschen an und sind in ihrer Darstellung gerade deswegen zu kritisieren.

Problematisch ist, dass der so präsente Alkoholkonsum von Minderjährigen kaum bis gar nicht kritisch eingeordnet wird. Stattdessen wird eher belächelt, dass Komasaufen ein scheinbar neuer Trend ist. Schule und Schulnoten werden als spießiges Thema abgetan, es wird sich darüber belustigt, dass die Noten im Keller liegen und man gerade so versetzt wurde. Junge Mädchen werden sexualisiert und häufig mit Anmachen, Flirten und sexuellen Erfahrungen in Zusammenhang gesetzt. Die im Video erscheinenden Jugendlichen werden bloßgestellt, wobei diese Tatsache unter dem vermeintlichen Humor und Sarkasmus von Street-Comedy getarnt wird.

Inhalte dieser Art würden nach FSF-Spruchpraxis Kriterien einer sozialethischen Desorientierung erfüllen. Darunter fallen Angebote, die Heranwachsende in ihrer Entwicklung zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten beeinträchtigen bzw. (stark) gefährden können. Eine Freigabe im Tagesprogramm wäre mit Sicherheit zu diskutieren. Doch auf YouTube gelten andere Regeln, oder gelten überhaupt Regeln?

Regulierung auf YouTube – eine Grauzone

Insgesamt lässt sich festhalten, dass es auf YouTube nach wie vor Regulierungslücken gibt. Während für das Fernsehen klare Vorschriften zur Darstellung jugendschutzrelevanter Inhalte existieren, ist YouTube diesbezüglich noch immer eine Grauzone. Grund dafür ist vor allem eine veraltete Rechtsgrundlage, die nicht den aktuellen Medienumgebungen und damit sozialen Netzwerken wie YouTube entspricht. Eine Novellierung der entsprechenden Gesetzestexte zum Jugendschutz ist daher momentan in der Ausarbeitung.

Welche Inhalte wie erscheinen, entscheidet YouTube größtenteils selbst. Dabei wird sich an eigenen Richtlinien orientiert. Hierzu zählt beispielsweise, dass Nacktheit, pornografische oder sexuell explizite Inhalte nicht auf YouTube gepostet werden dürfen. Sanktioniert werden ebenfalls sogenannte „schädliche oder gefährliche Inhalte“. Gemeint sind hiermit Inhalte, „die insbesondere Kinder zu Handlungen ermutigen können, die ihnen schweren Schaden zufügen können.“ Je nach Schweregrad verhängt YouTube dann eine Altersbeschränkung oder löscht das entsprechende Video.

Die Videos von Guido Koch mögen auf den ersten Blick vielleicht nicht schädlich wirken, dennoch vermitteln sie jungen Nutzerinnen und Nutzern fragwürdige Botschaften und Verhaltensweisen. Insbesondere der lockere Umgang mit Alkohol kann dazu führen, dass die gesundheitsschädigenden Folgen eines übermäßigen Alkoholkonsums verharmlost werden. Zudem werden Jugendliche in den Videos von Koch auf verschiedenste Art und Weise bloßgestellt und vorgeführt, wobei dies für ein Millionenpublikum einsehbar ist. In den Kommentarspalten werden einzelne Personen aus den Videos nochmals explizit kommentiert. Hier besteht das Risiko, dass einige Leute aufgrund ihrer Videoaussagen online gemobbt werden. Koch suggeriert den Jugendlichen hingegen, dass es besonders cool sei, in seinem Video aufzutreten, mit etwas Glück können sie sogar Werbung für ihren Instagram- oder Snapchat-Account machen. Dass sie sich dabei vor einer Vielzahl von Menschen transparent machen und ihre Privatsphäre im schlimmsten Fall langfristig beeinträchtigt werden kann, wird komplett außen vorgelassen.

Koch wehrt sich – ein mäßiger Rechtfertigungsversuch

Kritische Stimmen berichteten im April über Guido Koch und seinen YouTube-Kanal und sprachen hierbei von einer Verletzung ethischer Standards. Mitte Mai veröffentliche Koch dann ein neues Video. In einem neunminütigen Clip echauffiert sich der junge YouTuber über ein Abmahnschreiben, das ihn vom niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit erreicht hat. Der zentrale Vorwurf: Verletzung der persönlichen Ehre. Bezogen ist die Abmahnung auf ein konkretes Videobeispiel. Im besagten Video Minderjährige pusten ließ Koch mehrere alkoholisierte Minderjährige an einem Alkoholtest teilnehmen. Kochs Erklärungsversuch: „Es waren Minderjährige, die waren besoffen, aber sie hatten trotzdem Bock, im Video zu sein, die wollten über sich selbst lachen.“ Er bezeichnet das besagte, mittlerweile gelöschte Video als einfach „legendäres, geiles, witziges Video“, schließlich ist es unterhaltsam und die Jugendlichen wollten auch alle genauso im Video zu sehen sein. Wieder wird alles unter den Schutzmantel „Street-Comedy“ gepackt. Von Einsicht keine Spur. Vielmehr vermutet Koch, dass die Abmahnung eine Racheaktion eines Journalisten ist, dem er selbst keine kritischen Fragen zu seiner Videoarbeit beantworten wollte. Im Video versucht sich Koch klar von Mobbing zu distanzieren, allerdings scheitert sein Differenzierungsansatz an Aussagen wie: „Ich will die Leute vielleicht ein wenig durch den Kakao ziehen, aber auf keinen Fall mobben.“

Auf Kochs YouTube-Kanal findet sich eine Mailadresse, an die sich Leute wenden können, die ungewollt in seinem Video auftreten und/ oder trotz gewollten Auftretens rausgeschnitten werden wollen. Nach Kochs eigener Aussage, werden alle Anfragen ernst genommen und Leute auf Wunsch herausgeschnitten. Doch ändert dies etwas an den Videoinhalten an sich? Wohl kaum. Vielmehr ist davon auszugehen, dass Jugendliche diese Art von Selbstvorführung weiter unterstützen, schließlich bietet es ihnen eine zusätzliche Inszenierungsbühne und im besten Fall ein paar neue Instagramfollower. Doch werden sie in ein paar Jahren genauso darüber denken?

Medienpädagogische Empfehlungen

Aus medienpädagogischer Sicht ist es wichtig, Inhalte dieser Art aufzugreifen und sie kritisch zu reflektieren. Welche Botschaften, Stereotype oder Klischees werden vermittelt? Wie werden Personen dargestellt, wo fängt Humor an und wo liegen die Grenzen? Heranwachsende sollten für ihre Persönlichkeitsrechte sensibilisiert und gleichzeitig daran erinnert werden, dass das Internet nicht vergisst. Welche mediale Bühne man sich selbst gibt, sollte schließlich gut und langfristig überlegt sein.

 

Links und Quellen u.a.:

Alle Links wurden zuletzt abgerufen am 11. Juni 2020

Über Lena Wandner

Lena Wandner studierte Kommunikationswissenschaft und Romanistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, bevor sie ihren Master in Kinder- und Jugendmedien an der Universität Erfurt begann. Ihr Interesse gilt insbesondere der Medienwirkungsforschung und dem Jugendmedienschutz, weswegen sie sich auch für ein Praktikum bei der FSF entschied, zeitweise als freie Blogautorin arbeitete und seit März 2020 als studentische Hilfskraft für uns tätig ist.

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