Missbrauch im Netz

Der tschechische Dokumentarfilm Gefangen im Netz zeigt, wie es ist, sich als 12-Jährige in den sozialen Medien zu bewegen.

Sexuelle Belästigung ist das größte Problem, mit dem Kinder und Jugendliche im Internet konfrontiert sind, insbesondere in den sozialen Medien, aber im Grunde genommen überall dort, wo es Chatfunktionen gibt, z.B. auf Spieleplattformen, auf Instagram, Snapchat, TikTok etc. Wie allgegenwärtig ungewollte sexuelle Anmache und Übergriffe sind, und welche unfassbaren Ausmaße dieses größte Jugendschutzproblem im Web hat, darauf macht ein tschechischer Dokumentarfilm aufmerksam: Gefangen im Netz ließ drei volljährige, aber sehr jung aussehende Darstellerinnen mit Fake-Profilen als vermeintliche 12-Jährige in ihren lebensecht und individuell ausstaffierten Kinderzimmern online gehen.

Rosa Kinderzimmer: Mädchen beim Chatten auf Bett liegend vor ihrem Laptop (+Kamera) | Darstellerin Sabina Dlouhá beim Chatten in GEFANGEN IM NETZ // © Hypermarket Film / Filmwelt Verleihagentur
Darstellerin Sabina Dlouhá beim Chatten in GEFANGEN IM NETZ // © Hypermarket Film / Filmwelt Verleihagentur

Kamera unterm Tisch montiert

Binnen Sekunden waren die jungen Frauen, vermeintlich ja noch Kinder, mit Chatangeboten von Männern im mittleren Alter konfrontiert, die zügig ihre Penisse auspackten – nicht selten war die Kamera schon unterm Tisch montiert –, masturbierten, Schwanzfotos schickten und Nacktfotos der Minderjährigen mit Nachdruck forderten. Das ist schwer zu ertragen, aber leider die Realität. Manche der Männer heucheln erst kurz echtes Interesse („Spiel mir doch mal was auf dem Klavier vor, du bist so hübsch, und klug, was machst du denn gern in deiner Freizeit?“), andere schicken potenziell traumatisierende Kinderpornografie (alles ganz normal), oder versuchen sofort, das Kind erpressbar zu machen, indem sie z.B. Nacktfotos fordern, deren Veröffentlichung später als Druckmittel dienen kann („Was würde wohl deine Mutter dazu sagen?“).

Wer jetzt fragt, warum man einen solch bösartigen Chat nicht sofort beendet, hat vergessen wie es ist, 12 zu sein und sich nach einem Erwachsenen als Gesprächspartner, der einen wirklich ernst nimmt, zu sehnen. Das vorzugaukeln kriegen viele der Männer zumindest kurz hin, und anschließend wird mit Drohungen und Erpressung weitergearbeitet. Außerdem kennen 12-Jährige Erwachsene fast ausschließlich als Autoritätspersonen, und sich deren Autorität zu widersetzen, fällt vielen schwer. Die Männer wissen das, und die Art und Weise, wie sie die Mädchen manipulieren, ihnen abwechselnd schmeicheln, sie bedrohen und unter Druck setzen, lässt es einem schlecht werden.

YouTube: Filmwelt Verleih: Gefangen im Netz | Offizieller Trailer | Deutsch HD

Kein Ausweg

Der Film schürt massiv Ekel vor Männern, er macht wütend, zeigt aber letztlich keinen Ausweg. Es entsteht der Eindruck, dass auch der Filmemacher Vit Klusák und die Filmemacherin Barbora Chalupová von dem, was sie da losgetreten haben, überrollt wurden, und dass sie sich haben mitreißen lassen. Ein Treffen nach dem anderen wird verabredet, einer der Männer erkannt und ihm in der Dunkelheit vor seinem Haus aufgelauert. Man schreit sich gegenseitig an, null Unrechtsbewusstsein vorhanden, das hat man auch in den widerlichen Chats schon gemerkt.

Das große Verdienst des Films ist es, das Problem in aller schwer erträglichen Deutlichkeit und Drastik darzustellen. Nun müssen andere anfangen, nach Lösungen zu suchen: Die Polizei, die Einrichtungen des Jugendmedienschutzes, die Eltern.

Die Schulversion

Auch Aufklärung von Kindern und Jugendlichen, über die Risiken in Chats mit Unbekannten und beim Erstellen öffentlicher Profile ebenso wie über ihre Rechte (zu denen auch der Schutz vor den sexuellen Übergriffen Erwachsener gehört, den wir ihnen im Netz gegenwärtig leider überhaupt nicht gewährleisten können – obwohl das unsere Aufgabe ist) ist notwendig. Mit Blick darauf wurde eine hinsichtlich der Masturbationsdarstellungen deutlich entschärfte Schulversion des Films erstellt, welche von der FSK ab 12 Jahren freigeben wurde (der Film selbst hat eine FSK 16). Unbedingt sehens- bzw. -hörenswert ist das Fachgespräch zum Thema Cybergrooming (gemeint ist die inzwischen strafbewehrte Anbahnung sexueller Kontakte mit Minderjährigen im Netz) auf www.gefangenimnetz.de.

Ab dem 27. Juni ist der Film in der Kinofassung auf der Website www.gefangenimnetz.de digital verfügbar. Mit dem Kauf eines digitalen Tickets ermöglicht man jeweils einer Schulklasse (Schüler*innen im Alter von 12–18 Jahren), die Schulversion des Films kostenfrei zu sehen.

 

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Links zuletzt geprüft am 26. Juni 2021

Über Christina Heinen

Christina Heinen studierte Soziologie und absolvierte ihr Volontariat an der Journalistenschule der Evangelischen Medienakademie in Berlin. Sie arbeitete als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Medienthemen, Film- und Fernsehkritik und ist seit 2004 hauptamtliche Prüferin bei der FSF.

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