Die virtuelle Welt und ihre Gefahren

jugendschutz.net stellt seinen Jahresbericht 2020 vor

 

Seit 1997 recherchiert jugendschutz.net alljährlich, um auf die lauernden Gefahren für Kinder und Jugendliche im World Wide Web aufmerksam zu machen. Der kürzlich erschienene Jahresbericht über das Jahr 2020 rückt, im Vergleich zu den vorherigen Berichten, besonders in den Fokus der Aufmerksamkeit. Bedingt durch die Coronapandemie und die damit einhergehenden Einschränkungen wurde das soziale Leben kurzerhand in die digitale Welt verlegt. Das Internet war durch Homeschooling, dem Austausch über Social-Media-Dienste oder dem Zeitvertreib „Onlinegaming“ wichtiger als je zuvor. Doch die selbstverständliche Nutzung von Diensten wie YouTube oder TikTok lassen uns schnell die damit verbundenen Gefahren vergessen. Besonders die jungen Nutzer, die zum Beispiel unbedacht ein Video oder ein Bild von sich hochladen, machen sich über drohende Konsequenzen von möglichem Missbrauch ihrer Daten keine Gedanken.

Es stellt sich die Frage, was getan werden muss, um Kinder und Jugendliche besser zu schützen und ihnen einen sicheren Umgang mit Social Media und dem Internet zu ermöglichen.

 

Vorstellung ausgewählter Ergebnisse des Berichts

 

Unter Beobachtung

Allein im vergangenen Jahr wurden 1.896 Fälle von sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen von jugendschutz.net registriert. 1.251 dieser Darstellungen wurden über ausländische Server verbreitet. Die Niederlande liegt, wie schon im Jahr 2019, mit 49 Prozent an der Spitze der Hoster, gefolgt von den USA (16%) und Frankreich (16%).

Viele der dort hochgeladenen Videos entstehen oftmals ohne die Kenntnis der Opfer durch Video-Chats oder durch Messenger. Die Täter nutzen häufig die Unerfahrenheit der jungen Nutzer, um sexuelle Handlungen entstehen zu lassen und diese im Nachhinein zu verbreiten. Doch nicht nur erzwungene Videos lassen sich ausmachen. Viele Clips, die im Vertrauen aufgenommen und an Freunde versendet wurden, finden ungefragt ihren Weg ins Internet. Um diese Videos noch schneller zu verbreiten, werden Vorschauen mit einzelnen Bildern in Foren hochgeladen, in denen sich Menschen mit sexuellem Interesse an Kindern umschauen. Diese können die Videos dann bei sogenannten „Filehostern“ herunterladen.

 

Eine unauffällige Playlist

Um Videos dieser Art noch schneller publik zu machen, wird sich eines einfachen Tricks bedient. Auf Plattformen wie YouTube können Nutzer Playlisten erstellen, indem sie alle Videos, die sie interessieren, hinzufügen und für jeden öffentlich zugänglich machen. Um diese Listen möglichst schnell und für viele verfügbar zu machen, werden in den Beschreibungen Wörter benutzt, die den sexuellen Bezug klar herstellen. Bei der Recherche von jugendschutz.net hat sich ein weiteres Merkmal bezüglich der Verbreitung herausgestellt. Oftmals ließen sich viele Videos durch unscheinbare Ausdrücke wie „young“ oder „small“ finden. Auch werden solche Videos mit jenen von Erwachsenen mit erotischem Bezug in einer Playlist zusammengefügt. Sichere Voreinstellungen oder das Verhindern des Hinzufügens eigener Videos in fremde Playlisten wären zwei Wege, sich diesem Missbrauch zu entziehen.

 

Die nicht so private Privatsphäre

Vielen Tätern steht eine Vielzahl von Videos oder Fotos zur Verfügung, die Heranwachsende ohne Aufsicht der Eltern hochgeladen haben. Dass sie dabei nicht selten sensible Informationen über sich preisgeben, merken sie nicht. Diese Unachtsamkeit kann jedoch schwerwiegende Folgen haben. Nicht selten werden sie „offline“ zur Zielscheibe von Gewalt oder Mobbing. jugendschutz.net bemängelt, dass viele Profile öffentlich – das heißt für jeden sichtbar – sind. Die Plattformbetreiber wie auch die Erziehungsberechtigten sind in der Pflicht, aufmerksamer zu kontrollieren, was ins Netz gestellt wird.

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Quelle: jugendschutz.net/fileadmin/download/pdf/bericht2020.pdf

 

Selbstgefährdung durch Trends

Doch nicht nur selbst hochgeladene Inhalte können zum Risiko für Kinder und Jugendliche werden. Seit Jahren gibt es einen gefährlichen Trend auf den Social-Media-Plattformen, bei dem u.a. das Konsumieren von Drogen bis hin zum Suizid verharmlost dargestellt wird. Um diese Videos möglichst schnell zu verbreiten, werden sie ebenfalls mit neutralen Begriffen versehen. So stoßen oft solche Anwender auf diese verstörenden Inhalte, die gar nicht speziell danach gesucht haben. Das Risiko, das eine beschönigte Darstellung von Selbstverletzungen zum Nachmachen motiviert, ist besonders groß bei mental instabilen Menschen. Allein 2020 wurden 484 Fälle von Selbstgefährdung auf Social-Media-Kanälen registriert, wovon jedoch nur 75 Prozent nach dem offiziellen Handeln von jugendschutz.net gelöscht oder gesperrt wurden. Für Beratungsstellen und weitere Interessierte gibt es den Gefahr-im-Verzug-Leitfaden, den jugendschutz.net gerade aktualisiert hat. Darin sind u.a. die Kontaktdaten der zuständigen Polizeistellen vermerkt.

Ein weiterer, schon seit Jahren kursierender Reiz für Heranwachsende sind die sogenannten „Challenges“. Besonders während der Pandemie gab es hinsichtlich der Kreativität keine Grenzen. Doch nicht jede mit einem Hashtag versehende Mutprobe, wie beispielsweise #IstayHomefor, ist harmlos. Unter #Coronachallenge wurden Jugendliche dazu ermutigt, öffentliche Toiletten oder Türgriffe abzulecken und sich somit bewusst der Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus auszusetzen. Auch wenn solch ein Aufruf zur Selbstgefährdung verboten ist, sind gezielte Hilfsangebote auf den Seiten kaum zu finden.

 

Seid gewarnt: Die indirekte Verbreitung

Im September 2020 erlangte der Selbstmord eines Soldaten, der live im Stream gezeigt wurde, traurige Berühmtheit. Obwohl solche Videos schnell von den öffentlichen Plattformen gelöscht werden, werden sie durch User „dank“ anderer trickreichen Vorgehensweisen verbreitet. In „Reaktionsvideos“ wird über das Gesehene berichtet und soll so das Interesse der Zuschauer wecken. Um die entstandene Neugier zu befriedigen, kann das ursprüngliche Video dann über einen Link in der Kommentarfunktion angeschaut werden. Um vor solchen Videos zu warnen, gibt es z.B. bei TikTok sogenannte „Warn-Videos“. Unter dem Hashtag #dontgoogle haben schon über 66 Millionen Menschen weltweit die dort geposteten Videos aufgerufen. Ebenso erfolgreich ist die Aktion „Bleach For Your Eyes “. Hier können, gezeichnet mit einer Bleichmittelflasche, Kommentare hinterlassen werden, die die Nutzer am liebsten „aus ihren Augen bleichen“, d.h. vergessen würden. Der Anblick dieser drastischen Darstellungen kann bei Heranwachsenden eine starke Verstörung und Ängstigung hervorbringen.

 

Neue und alte Probleme

jugendschutz.net arbeitet mit Hochdruck daran, auf Gefahren, die im World Wide Web lauern, aufmerksam zu machen. Allein im Jahr 2020 wurden 5.056 Verstöße bearbeitet, 2.805 davon bezogen sich auf Social-Media-Dienste. Die meisten Meldungen beinhalteten sexualisierte Gewalt (41%) oder politischem Extremismus (21%). Besonders auffällig ist in diesem Jahr der Anstieg von extremistischen Inhalten, die großteils auf der Plattform Telegram verbreitet wurden. Insgesamt wurden allein hier 210 Fälle (2019: 51) verzeichnet, gefolgt von Snapchat mit 91 Fällen (2019: 13).

In 80 Prozent aller Fälle erreichte jugendschutz.net die Löschung der unzulässigen Angebote. Inhalte, die der Anbieter nach Aufforderung nicht entfernte, wurden an die KJM oder bei kinder- und jugendpornografischen Inhalten an das BKA weitergeleitet.

 

Fazit: „Das ist noch viel Luft nach oben“

Die Bilanz der Recherche von jugendschutz.net zeigt deutlich, dass die Maßnahmen nicht genügen, um ausreichend Schutz für Kinder und Jugendliche zu gewährleisten. Viele der Social-Media-Dienste haben zwar ihre Richtlinien deutlich verschärft, doch einen effektiven Schutz bietet diese Maßnahme nicht.

Weiterhin wird bemängelt, dass im Jahr 2020 keiner der Dienste bei der Registrierung einen Altersnachweis gefordert hat. Einzig YouTube setzt inzwischen beim Schutz auf die Authentifizierung durch einen Ausweis oder eine Kreditkarte. Damit soll verhindert werden, dass unter 18-Jährige Videos ab 18 Jahren ansehen können.

Eine mögliche Option für einen sicheren Umgang könnte bspw. ein vorkonfigurierter Account sein, der junge Anwender vor fremden Zugriffen schützt. Eine weitere Möglichkeit wäre eine öffentliche Alterskennzeichnung, die Erziehungsberechtigten, Kindern und Jugendlichen oder auch Lehrern einen konkreten und schnellen Überblick verschafft, welche Inhalte passend oder nicht alterskonform sind. Die Einbeziehung von Interaktionsrisiken (z.B. Kommentare, Kostenfallen) fehlte bisher bei der Bewertung von Filmen oder Spielen – es wurden nur die Inhaltsrisiken beachtet. jugendschutz.net testete exemplarisch mit Hilfe von Selbstklassifizierungsfragen an den Anbieter, wie Interaktionsrisiken in die Altersbewertung einfließen können, um so eine passende Alterskennzeichnung zu erwirken. Es stellte sich heraus, dass diese Methode die Gefahren für die jungen Nutzer deutlich senken könnte.

 

Was muss also getan werden, um Kinder und Jugendliche besser zu schützen und ihnen mehr Sicherheit in der digitalen Welt zu gewähren? Juliane Seifert, Staatssekretärin des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, schreibt dem am 1. Mai 2021 in Kraft getretenen Jugendschutzgesetz eine wichtige Bedeutung zu. Denn mit dem neuen Jugendschutzgesetz werden Anbieter verpflichtet, geeignete Vorsorgemaßnahmen wie Altersbeschränkungen und kindgerecht gestaltete Melde- und Beschwerdesysteme bereitzustellen. Dr. Marc Jan Eumann, Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz ergänzt, dass er im technischen Kinder- und Jugendschutz eine zentrale Rolle sehe, auch wenn das komplette Potenzial noch nicht ausgeschöpft sei. „Die KJM hat in den vergangenen Jahren mehr als 70 Programme zur Altersüberprüfung positiv bewertet.“ Aber es gäbe auch noch viel Luft nach oben, so könnten z.B. mehr Machine Learning und Hash-Verfahren zur automatischen Bilderkennung genutzt werden. Warum dies nicht viel mehr geschehe, fragt Eumann.

Die aktuelle Situation verdeutlicht jedenfalls, es gibt großen Handlungsbedarf im Entwickeln von effektiven Schutzkonzepten für Heranwachsende, um sie sicher an der Onlinewelt teilhaben zu lassen.

 

Von jugendschutz.net empfohlenen Online-Angebote:

 

Quellen:

 

Über Sarah Boost

Sarah Boost hat Geschichte und Deutsche Literatur an der Humboldt Universität zu Berlin studiert. Ihr Interesse an Medien bewog sie dazu, ein Praktikum bei der FSF zu machen. Hier konnte sie ihrer Vorliebe für das Schreiben nachgehen. Als freie Autorin unterstützt sie weiterhin den fsf blog.

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