Die Herausforderungen der Medienerziehung

Vorstellung ausgewählter Ergebnisse der Langzeitstudie FaMeMo

 

Smartphone, Computer, Tablets – all diese internetfähigen Geräte sind aus dem heutigen Lebensalltag nicht mehr wegzudenken. Gerade in jüngster Zeit hat sich diese Korrelation durch die Coronapandemie noch verstärkt. Während dies für viele Erwachsene im Arbeitsumfeld eine Verlagerung ins Homeoffice bedeutete, waren Heranwachsende angehalten, ihre Schul- und Freizeit vermehrt ins Digitale zu verlegen. Auch die Jüngsten nutzen nun häufiger digitale Medien als vor der Pandemie. So stieg die wöchentliche Tabletnutzung bei der Altersgruppe der Zwei- bis Fünfjährigen von 6 Prozent in 2014 auf 29 Prozent in 2020 an.1

Zur kindlichen Mediennutzung entstehen unabhängig von Corona jedes Jahr durch unterschiedlichste Träger und Organisationen die verschiedensten Studien –  je nach Untersuchungsfokus anders aufbereitet. Das JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis hat, gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales (StMAS), eine Langzeit-Monitoringstudie zur Bedeutung digitaler Medien in Familien mit jungen Kindern durchgeführt. Die Studie wurde im Herbst 2021 mit dem Titel FamilienMedienMonitoring (FaMeMo) veröffentlicht. Einige ausgewählte Ergebnisse werden nun vorgestellt.

Für die FaMeMo-Studie wurden 14 Familien mit Kindern zwischen eins und acht Jahren über den Zeitraum von 2017 bis 2020 bayernweit wiederkehrend zu ihrem Familienalltag, den Funktionen von digitalen Medien und zur häuslichen Medienerziehung befragt. Im Fokus stand das Erkenntnisinteresse über die „Bedeutung digitaler und mobiler Medien und des Internets in Familien mit unterschiedlichen kindlichen Alters- und Entwicklungsstufen“, und darüber „Unterstützungsbedarfe für die familiäre und institutionelle Medienerziehung“ zu erkennen sowie fördernde Maßnahmen herauszuarbeiten. Die Besonderheit der stärkeren Mediennutzung durch die Pandemie fließt mit in die Untersuchungsergebnisse ein.

Mädchen auf Schoß von Mutter, beide vor dem Laptop am Tisch sitzend; Bild von finelightarts bei pixabay.com
pixabay.com: Foto von finelightarts

Wie der Einsatz digitaler Geräte oder die Vermittlung von digitaler Kompetenz erfolgt, hängt maßgeblich von der Haltung der Eltern zu den verschiedenen Medien ab. Dies wirkt sich schließlich darauf aus, welche Medien die Kinder nutzen dürfen und ob dies passiv, aktiv, kreativ oder vorsichtig bis zögerlich passiert. Hinzu kommt, wie Mediennutzung in der Familie als Ritual eingeführt wird, dies orientiert sich ebenfalls an der Einstellung der Eltern. Medien können als Zugewinn für die Gestaltung und Organisation des Tagesgeschehens begriffen, als „Babysitter eingesetzt“, oder ihre Nutzung ungern zugelassen werden.

„Ja, weil ich finde das irgendwie sinnlos. Ich finde das hundertmal gescheiter, wie jetzt, dass die draußen waren und mit dem Nachbarsjungen spielen. Dass sie die Erde fühlen, die Erde berühren und draußen irgendwie in der Natur spielen. Wie dass sie da jetzt auf der Couch sitzen und an dem Handy umeinanderdaddeln.“

(Zitat Frau Flacher, S. 69)

Medien als Chance zu betrachten und mit ihnen positive Potenziale zu verbinden und dies den eigenen Kindern zu vermitteln, gelingt eher jenen Erziehenden, die ebenfalls gute Erfahrung mit Medien in der Kindheit verzeichneten. Ursprünglich in der Kindheit erfahrene Rituale werden auch in der eigenen Familie wiederbelebt, obgleich sich die Medienlandschaft und -nutzung stark verändert hat. Trotz dessen wenden Eltern, die mit strengen Mediennutzungsvorgaben aufgewachsen sind, diese ebenso bei ihren Kindern an. Umgedreht verhält es sich bei Eltern, die mit laxen Regeln groß geworden sind. Insgesamt wurde jedoch festgestellt, dass sich die Medienerziehung der Erziehungsberechtigten stärker an den Kindesbedarfen orientiert und es herrscht Klarheit darüber, dass Kinder den Umgang mit digitalen Geräten lernen müssen, da ihnen dies einen großen Nutzen für ihre Zukunft verschafft.

„Mit der Technologie spielen, um die Technologie zu beherrschen, anstatt sich von der Technologie beherrschen zu lassen, das ist ein bisschen so die Grundlinie. Meine persönliche und das würde ich auch gern an die Kinder weitergeben.“

(Zitat Herr Schäfer, S. 158)

Aus der Studie geht zudem hervor, dass sich die Eltern in ihrer Verantwortung und Vorbildrolle für ihre Kinder im Alter von bis acht Jahren um den Datenschutz und die Privatheit sorgen. Hier zeigt sich, dass sowohl Wissenslücken im technischen Kinder- und Jugendmedienschutz bestehen, Wünsche zum Schutz der Daten an die Politik gerichtet werden, v.a. sich jedoch eine große Resignation und Unsicherheit zum Umgang mit diesen Themen breitmacht – auch in Bezug auf Partizipation: wie Kinder in den Entscheidungsprozess mit eingebunden werden können, da sie oft schon eine Meinung zum Versenden ihrer Bilder und dem Adressatenkreis haben. Eine intrinsische Motivation, sich aktiv selbst mit Datenschutz und Privatheit auseinanderzusetzen, verspüren aus verschiedenen Gründen nur wenige Eltern.

„Also es werden keine Filme von irgendjemandem gemacht oder irgendetwas. Es wird auch nichts aufgenommen, was wir daheim reden und halt irgendwie weitergeschickt. Ja, du kannst deine Sachen posten, wenn du das magst, aber von uns nichts. Also fragst du mich erst, ob du von uns etwas postest.“

(Zitat Frau Unger, S. 217)

In der Betrachtung des Untersuchungszeitraums fielen ab Beginn der Coronapandemie merkliche Veränderungen in den Familien hinsichtlich des Medieneinsatzes auf, die sich, so wird den Eltern nun klar, kaum zurückstellen lassen. Wurden den Geräten die verschiedensten Funktionen zugeschrieben, u.a. auch das Kontakthalten mit Großeltern oder um Beschäftigungsideen für Kinder zu suchen, so geschah dies doch aus der Not heraus und Erziehende wünschen sich ein Beenden der Ausnahmebedingungen. Da die Krisensituation nun schon so lange anhält, Kontakteinschränkungen neuerlich zum Tragen kommen, bedeutet dies für kleinere Kinder, dass sie sich u.U. gar nicht an den Zustand davor erinnern und den jetzigen als Normalzustand definieren. Dieser Umstand fordert den Eltern einiges ab, denn zu einem souveränen Medienumgang zurückzukehren, scheint nicht so einfach. Hier benötigt es kompetente pädagogische Unterstützungsangebote, um sowohl Eltern als auch Kindern Alternativen, jedoch auch die positiven Seiten des vermehrten Einzugs der digitalen Medien im Familienalltag aufzuzeigen. 

„Da haben die Kinder dann/ Also wir haben ja so eine Kinderküche. Da konnte ich das Handy immer so ganz gut hinstellen und dann haben die Kinder halt irgendwie per Video für die Oma und Opa was gekocht oder so […] und seit Corona haben wir halt irgendwie das schon bisschen häufiger gemacht. Da ist es auch so, dass der Opa zum Beispiel, der nimmt dann ein Buch und hält das halt vor die Kamera und liest das schön vor.“

(Zitat Frau Schäfer, S.123)

Um Kindern im Alltag einen verantwortungsvollen Umgang mit Tablets, Smartphones und Co. zu ermöglichen, sind verschiedene Kompetenzen nötig. Eine Rolle spielen dafür die im Haushalt zur Verfügung stehenden Medien, die elterliche Einstellung und die elterlichen Medienkompetenzen sowie bspw. Medienerziehung in der Kita. All diese Faktoren beeinflussen die Medienaneignung der Kinder in der Zeit des Heranwachsens. Im Idealfall entsteht eine vertrauensvolle Basis zwischen der familiären und der institutionellen Sozialisationseinrichtung, da Fachkräfte das nötige Wissen zu den kindlichen Entwicklungsphasen mitbringen, Medien aktiv und partizipativ in den Kinderalltag einbinden – Eltern hingegen oft nicht über ausreichend medienpädagogisches Wissen zur Medienerziehung verfügen.

„Dann weiß man, dass man es gar nicht so verkehrt macht oder dass die anderen Kinder noch viel schlimmer sind als die eigenen. Da weiß man, dass man eigentlich ganz normal ist.“

(Zitat Frau Beckmann zum Austausch mit anderen Müttern, S. 215)

Insgesamt illustrieren die Studienergebnisse, dass die Bedürfnisse der Familien zum Medienumgang individuell bestimmt und somit sehr divergent sind. Um ihnen Unterstützung für die Medienerziehung zukommen zu lassen, schlägt das Forschungsteam folgende Maßnahmen vor: Eltern benötigen zielgerichtete Angebote in Form von Flyern, Büchern, Seminaren, Vorträgen und das Ganze auch online, um so Wissen über den Zusammenhang von Entwicklungsstadien und Medienkompetenz ihrer Kinder zu erlangen. In einer vertrauensvollen Umgebung sollte ein Austausch mit anderen Eltern ermöglicht werden und bei akuten Fragen bedarf es Beratungsstellen als Anlaufpunkt. Nur eine Mitwirkung aller an der Erziehung Beteiligten kann zu einem bedarfsgerechten Medienumgang und einer verantwortungsbewussten Medienbildung in der Familie führen und so der Komplexität von Digitalisierung und Mediatisierung angemessen begegnet werden.

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Quelle: jff.de

Alle Informationen zur Langzeitstudie FamilienMedienMonitoring (FaMeMo), inklusive einer Typologie die Erziehenden, finden Sie in der Publikation FAMILIE DIGITAL GESTALTEN. FaMeMo – eine Langzeitstudie zur Bedeutung digitaler Medien in Familien mit jungen Kindern von Susanne Eggert, Andreas Oberlinner, Senta Pfaff-Rüdiger, Andrea Drexl bei kopaed oder hier als PDF zum Herunterladen.

  • Für Eltern könnten die Kapitel KINDLICHE ENTWICKLUNG und DIGITALE MEDIEN (S. 33 ff.) sowie MEDIENERZIEHUNG (S. 178 ff.) von Nutzen sein.
  • Bei Interesse ist in jedem Fall die Lektüre der TIPPS für die MEDIENERZIEHUNG zu empfehlen. So finden Sie u.a. Hinweise zur elterlichen Sensibilität und Reflexion, wie Sie auf Fehler bei der Mediennutzung Ihrer Kinder reagieren sollten und zur Bedeutung der gemeinsamen Absprache mit dem Erziehungspartner u.v.m. auf den Seiten 64/65, 128/129, 168/169 sowie 220-223.
  • Außerdem bietet die Webseite jff.de/mofam Informationen zum Zusammenhang zwischen Kindesentwicklung und medienbezogenen Bedürfnissen. Auch das Landesmedienzentrum Baden Württemberg stellt ein Dossier zur FRÜHKINDLICHEN MEDIENBILDUNG. Medienerfahrungen von kleinen Kindern kann man im Kindergarten aufgreifen zur Verfügung.
  • Tipps zum technischen Kinder- und Jugendmedienschutz finden sich u.a. bei Medien kindersicher, SCHAU HIN!  und klicksafe. Weitere Informationen und Angebote rund um das Thema Mediennutzung für Kinder und Jugendliche sowie für Erwachsene und Pädagogen finden Sie im Link-Lexikon: Sicher Surfen im Netz im fsf blog.
  • Wer sich weiter für das Thema interessiert, kürzlich wurde die miniKIM-Studie 2020 veröffentlicht, die den Medienumgang Zwei- bis Fünfjähriger in Deutschland analysiert.

1 Vgl. miniKIM-Studie 2014, S. 7 und miniKIM-Studie 2020, S. 11.
Einbezogen werden muss hier auch der Umstand, dass die Digitalisierung weiter vorangeschritten ist und der Gerätebesitz einen starken Zuwachs erzielt: 2014 besaßen ein Viertel der Haushalte ein Tablet – 2020 schon drei Viertel. Vgl. miniKIM-Studie 2014, S. 5 und miniKIM-Studie 2020, S. 5)

Über Sandra Marquardt

Sandra Marquardt hat 2010 ihr Magisterstudium in Filmwissenschaft und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin abgeschlossen. Seit 2011 arbeitet sie als Onlineredakteurin bei der FSF. Dort betreut sie u.a. zum einen den Onlineauftritt der FSF-Website, ist zum anderen für den fsf blog inklusive der Bildredaktion verantwortlich und festes Teammitglied der Newsletterredaktion. Als Praktikumsbeauftragte ist ihr die Betreuung der Praktikantinnen und Praktikanten eine Herzensangelegenheit.

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