Der Balanceakt zum digitalen Wohlbefinden

Von FOMO zu JOMO: Digital Wellbeing – oder wie wir in einer digitalisierten Gesellschaft leben wollen

Rückblick auf den medien impuls am 29. April 2021

 

– Eine Zusammenarbeit von Lea Gangloff und Sandra Marquardt  –

 

In der aktuellen Zeit, in der digitale Medien aufgrund der Coronapandemie noch häufiger genutzt werden, ist es so wichtig wie vielleicht noch nie, einen guten Umgang mit den Medien zu finden. Der Begriff „Digital Wellbeing“ bezeichnet diesen guten und gesunden Umgang, der sich nicht nur auf die sozialen Medien, sondern ganz allgemein auf digitale Medien bezieht.

Um sich dem Begriff im sozialen und wissenschaftlichen Diskurs zu nähern, fand der medien impuls am 29. April zum Thema Von FOMO bis JOMO: Digital Wellbeing – oder wie wir in einer digitalisierten Gesellschaft leben wollen statt.

Im vergangenen Jahr haben die digitalen Medien unwahrscheinlich an Bedeutung gewonnen. Geschäftsreisen, Treffen mit Freundinnen und Freunden und der Unterricht mussten online stattfinden, und auch für Kinder wurde der Gebrauch von Computern völlig selbstverständlich. So hat auch das Fernsehen eine Renaissance erlebt und wird wieder öfter als Informationsquelle und als Lean-back-Medium verwendet, wie FSF-Geschäftsführerin Claudia Mikat beobachtet. Die vermehrte Mediennutzung – insbesondere, wenn es im geschäftlichen oder schulischen Bereich einfach nicht vermeidbar ist – wirft die Frage auf: Wie viel Nutzung ist gut, und wie viel Verzicht wäre vielleicht besser? Für Martin Drechsler, Geschäftsführer der FSM, bedeutet „Wellbeing“ eine gesunde Balance aus beidem.

In zwei Gesprächsrunden moderierte Teresa Sickert durch das Thema und erörterte mit den Gästen, wie wir es als Gesellschaft schaffen, die „Fear Of Missing Out“ (FOMO: Stress in der Mediennutzung; Angst, etwas zu verpassen) auch mal in eine „Joy Of Missing Out“ (JOMO: entspannter Zustand, digital auch mal etwas verpassen können) zu wandeln, wer dafür verantwortlich ist, dass wir uns im digitalen Raum sicher fühlen und wie wir es als Gesellschaft schaffen, virtuell gut miteinander zu kommunizieren.

FSF-YouTube-Kanal mit der Aufzeichnung des medien impuls vom 29. April 2021

Selbstbestimmte Mediennutzung – können wir „Digital Wellbeing“ lernen?

In der Pflicht zu handeln stehen die ganze Gesellschaft, die Anbieter und die Selbstkontrollen. Als großes Überthema fällt in der Diskussion immer wieder der Begriff „Medienkompetenzförderung“, die es umzusetzen gilt. Anbieter sollten beispielsweise den Aspekt der Verweildauer hinterfragen, auf deren Basis oftmals der Erfolg einer Plattform gemessen werde – doch welcher Anbieter rät seinen Usern, dass sie die Plattform weniger intensiv nutzen sollen?

Sabine Frank, Head of Government Affairs bei YouTube, bestätigt Martin Drechslers Vermutung: Kein Mensch nimmt sein Nutzungserlebnis als positiv wahr, wenn er am Ende feststellt, dass er gerade zwei Stunden lang seine Zeit mit YouTube-Videos verschwendet hat. Das sei nicht im Sinne der Plattform, und deshalb ist das Konzept der algorithmusbasierten Empfehlungen nur dann richtig und gut, wenn die Zeit als sinnvoll verbracht empfunden wird.

Dr. Christian Stöcker, Professor für digitale Kommunikation an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, ergänzt, dass es auch auf die rezipierten Inhalte ankommt und dass es nicht nur YouTube, sondern auch YouPorn gibt. Zum Wellbeing (Stichwort: Medienkompetenz) gehört, dass Kinder sich sicher und selbstbestimmt im Internet bewegen können und Information von Desinformation unterscheiden können sollten. Daher muss dieser Raum dementsprechend gestaltet werden. Hierzu berichtet Sabine Frank von YouTube Kids. Die speziell für die kindlichen Bedürfnisse zugeschnittene Oberfläche beinhaltet eine entsprechende Gestaltung und inhaltlich wird auf eine altersgerechte Videoauswahl geachtet. Daneben gäbe es bei YouTube „Elternaufsicht“ die Möglichkeit, Konten für Heranwachsende mit speziellen Jugendschutzfiltern anzulegen. Aber auch damit kann keine hundertprozentige Sicherheit garantiert werden, wenn aus harmlosen Kinderserien beispielsweise brutale Satire gemacht wird. Algorithmen würden solche Abwandlungen nicht erkennen und sie mischen sich unter die kindgerechten Inhalte.

Substanziell sei aber grundsätzlich, ergänzt Torsten Krause, Referent für Medienpolitik beim Deutschen Kinderhilfswerk, früh in den Dialog mit Kindern zu treten. Das sei wie der erste Schulweg, den Eltern anfangs mit ihren Kindern gemeinsam laufen und später die Kinder allein gehen lassen: da könne man nie wissen, ob das Kind nicht doch eine Kreuzung zu früh abbiege. Daher ist relevant, dass das Kind, wenn es beim falschen Abbiegen eine negative Erfahrung gemacht hat, anschließend mit den Eltern offen darüber sprechen kann. Kinder verstehen viel mehr über das Internet, als Erwachsene manchmal glauben. Sie haben ein Recht auf digitale Teilhabe, und auch wenn das Netz viele Gefahren birgt – es bietet Kindern auch viele Möglichkeiten, um ihr kreatives Potenzial zu entdecken und entfalten zu können. Vergessen werden dürfen jedoch nicht die analogen Freiräume für Kinder, die durch die vermehrte digitale Nutzung zurückgehen und zur Entfaltung gleichfalls beitragen.

So lautete das Fazit der ersten Gesprächsrunde, dass es eine stärkere Sensibilisierung für die Belastung braucht, die mit digitalen Medien einhergehen. Dass sich die Erziehenden der Risiken und Gefahren im Netz bewusst sein müssen, jedoch die Heranwachsenden nicht aus dem Netz ausgesperrt werden sollten. Innerhalb eines starken Vertrauensverhältnisses zwischen Kindern und Eltern sowie Lehrkräften sollte Austausch über Erlebtes stattfinden. Zusätzlich ist eine intensivere digitale Bildung nötig, eine höhere Medienkompetenz, die über die Schulen vermittelt werden sollte.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Bildnachweis: Alle Bilder, bis auf zwei Screenshots, copyright © Janine Schmitz/ photothek.de

Die Kultur des digitalen Miteinanders – wie gelingt gesunde Kommunikation online?

Darum drehte sich die zweite Gesprächsrunde. Dr. Ruth Wendt, Professorin für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der  Ludwig-Maximilians-Universität München, betont, wie vielschichtig Social-Media-Kompetenz sei. Dazu gehöre auch, andere beim eigenen Umgang mit digitalen Medien zu unterstützen und Onlineerlebnisse in das Leben zu integrieren. Heranwachsende sollten dahingehend sensibilisiert werden, welche Inhalte im Internet positive und negative Reaktionen hervorrufen können.

Daran schließt sich Collien Ulmen-Fernandes, Moderatorin und Kolumnistin, an, die von Hassbotschaften berichtet, die sie aufgrund ihrer Hautfarbe erreichen. Das sei ihr bis vor ein paar Jahren nie auf offener Straße passiert – ihre Vermutung ist, dass das mit dem steigenden Online-Enthemmungseffekt in Verbindung steht. Den Punkt greift auch Dr. Alexander Kleist, Public Policy Lead bei Instagram, auf: Influencende bekommen über Instagram immer mehr Hassbotschaften, sodass die Plattform jetzt Wortfilter einsetzt. Nutzende sollen vor beleidigenden Inhalten geschützt werden, um sich im Umgang mit sozialen Medien sicher zu fühlen. Auch hier spielt neben der Nutzungsfreundlichkeit wieder die Perspektive der Plattform eine tragende Rolle: Wer öffnet schon gerne seinen Social-Media-Account, wenn da lauter Beleidigungen warten? Es sei aber auch Auftrag der Plattformen, präventive Kommunikationsarbeit zu leisten, damit Onlinehetze gar nicht erst aufkommt.

Alle Fachleute sind sich einig: Das Erwerben von Medienkompetenz bedeutet, im digitalen schriftlichen Austausch zu lernen, vorsichtiger zu kommunizieren. Bei Heranwachsenden sollte für mehr Aufmerksamkeit und Reflexion darüber geworben werden, welche Inhalte geteilt werden können und mit welchen Reaktionen zu rechnen ist. Ebenso sollte den Kindern nähergebracht werden, dass nicht alle Nachrichten im Klassenchat gelesen und beantwortet werden müssen, auch wenn die beste Freundin das macht. Nicht nur Social-Media-Kompetenz, sondern auch grundsätzliche Sozialkompetenz ist bestimmend für eine reflexive und achtsame Kommunikation.

Um „Digital Wellbeing“ zu erreichen, müssen viele Faktoren zusammenspielen: Wir selbst müssen lernen, wortwörtlich mal abzuschalten. Die Plattformen müssen dafür sorgen, dass beleidigende Inhalte schnell gelöscht oder gar nicht erst gepostet werden. Die Selbstkontrollen sollten gewährleisten, dass so wenig gewaltverherrlichende oder sozialethisch desorientierende Inhalte wie möglich zugänglich sind, was die Plattformen wiederum umsetzen. Essenziell bleibt nach wie vor, Medienkompetenz zu vermitteln und dies sollte u.a. als Medienbildung in der Schule geschehen, da der Umgang mit digitalen Medien zukünftig immer früher eine immer wichtigere Position einnimmt. Eltern können ihren Kindern einen sicheren Umgang beibringen und vor allem zeigen, dass sie bei negativen Erlebnissen genauso darüber berichten dürfen wie bei positiven. Denn: dass wir uns alle im digitalen Raum bewegen, ist mittlerweile fast selbstverständlich, die Frage ist nur: wie wohl fühlen wir uns dabei?

***

Weitere Informationen, wie z.B. die Kurzviten der Diskutierenden und das Tagungsprogramm, finden Sie auf fsf.de.

Es liegen bereits viele Angebote für Eltern vor, wie sie medienpädagogische Maßnahmen umsetzen und mit ihren Kindern zusammen den digitalen Raum sicher betreten und gestalten können. Eine Auswahl an Angeboten zur sicheren Mediennutzung für Kinder und Eltern finden Sie hier im fsf blog.

 

In der Tagung erwähnte Studien, weiterführende Informationen und Tipps zur Mediennutzung:

Alle Link zuletzt geprüft: 04. Mai 2021

Die Veranstaltungsreihe medien impuls ist ein Kooperationsprojekt der FSF und der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM).

Über FSF

Die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) ist ein gemeinnütziger Verein privater Fernsehanbieter in Deutschland. Ziel der FSF ist es, einerseits durch eine Programmbegutachtung den Jugendschutzbelangen im Fernsehen gerecht zu werden und andererseits durch Publikationen, Veranstaltungen und medienpädagogische Aktivitäten den bewussteren Umgang mit dem Medium Fernsehen zu fördern. Seit April 1994 lassen die Vereinsmitglieder ihre Programme bei der FSF prüfen, seit August 2003 arbeitet die FSF als anerkannte Selbstkontrolle im Rahmen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags (JMStV).

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.