Grünes Licht, rotes Licht? Ist Squid Game wirklich so gefährlich?

Alle reden über Squid Game. Der Umgang mit der Serie ist im Oktober ein großes medienpädagogisches und jugendschutzrelevantes Thema geworden. Die Produktion ist mittlerweile die erfolgreichste Netflix-Serie und hat damit Bridgerton den Rang abgelaufen. Der schrille Neunteiler ist ab 16 Jahren freigegeben und bietet neben lakonischer Brutalität ein Panorama vieler anschlussfähiger Themen, die auch für jüngere Jugendliche interessant sind. In Südkorea traf Squid Game insbesondere wegen seiner Gesellschaftskritik den Nerv. Extremer Leistungsdruck, drastische Ungleichheiten, Diskriminierung sozialer Minderheiten sowie eine herablassende, zynische Haltung einer entkoppelten Oberschicht sind Aspekte, die hier eine knallige und gewaltrauschartige Entsprechung finden. Der Mix aus bizarrer, teils kindlicher Spielszenerie und gnadenlosem Abknallen der Spieler ist zwar filmhistorisch nicht ganz neu, präsentiert sich aber hier in einem sehr zeitgenössischen und fesselnden Gewand, das mächtig auf den Schauwert einer schnörkellosen Gewaltorgie und hippen Manga-Ästhetik setzt. Und das interessiert natürlich auch Kinder und Jugendliche. Im Zentrum der Serie stehen Kinderspiele, die von Erwachsenen gespielt werden. Wer verliert ist raus, und zwar für immer. Irgendwie passt dieser Zynismus auch in unsere Zeit. Da der Diskurs um die Serie nun richtig heißgelaufen ist, kommt man um sie nicht mehr herum. Das macht sie noch interessanter. Da heißt es, kühlen Kopf bewahren und genauer hinschauen.

Hype und Hysterie

Kürzlich war zu lesen, dass einige Schulen bereits appellierten, den Kindern die Serie zu verbieten. Verlierer wurden beim Nachspielen auf Schulhöfen zwar nicht erschossen, aber geohrfeigt. Es gab Berichte über Situationen in Pinneberg, in denen Kita-Kinder ein nachgeahmtes Spiel mit den Worten beendeten: „Ich töte dich.“ Erzieherinnen suchten daraufhin das Gespräch mit den Eltern. Und so geht es weiter. Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann, meinte, nachgespielt wurde schon manches, aber das hätte nun neue Qualitäten. Eine Grundschule in Berlin-Mitte warnte die Eltern vor der Serie. Die saarländische Landesmedienanstalt warnte generell vor schädlichen Folgen vor allem für jüngere Zuschauer. Es gibt Berichte aus anderen europäischen Ländern, dass Schüler ihre Version der Serie nachspielten, wobei die Verlierer regelrecht verprügelt wurden. Mehr Aufmerksamkeit für eine Serie war selten. Und dies auch noch vor Halloween. Und so dürften die Squid-Kostüme zu diesem Anlass und anderen Gelegenheiten Konjunktur haben. Fragt sich nur, ob eher die grünen Trainingsanzüge der Spieler oder die roten Suits der Killerkommandos gefragt sind.

Medienkompetenz ist gefragt

Aber Alarmismus ist fehl am Platz. Das meint auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, der mahnte, dass Verbote nichts bringen und die Serie nur attraktiver machen. „Die Schülerinnen und Schüler sollten im Idealfall im Unterricht darüber sprechen, wenn sie die Serie bewegt und nicht nur in den Pausen. Dafür müssen die Lehrkräfte aber auch wissen, was sich die Kinder im Netz anschauen. Viele wissen gar nicht, was da läuft oder gefragt wird“. Zudem sei der Zugang zu problematischen oder nicht altersgerechten Medieninhalten kein spezielles Problem von Squid Game, sondern von Medien generell, so Meidinger. (zit. nach Oetken 2021) Mit der Pandemie trat noch ein zusätzlicher Negativeffekt ein, so Meidinger, da der Medienkonsum in den Lockdownphasen völlig unkontrolliert bei den Schülerinnen und Schülern zugenommen habe. Sein Fazit: „Die Länder haben bei der Digitalisierung lange vordergründig nur auf technische Aspekte wie Geräte oder schnelles Internet gesetzt. Doch ist der selbstverantwortliche, kritische Umgang mit digitalen Medien die vielleicht noch größere Herausforderung unserer Zeit.“ (zit. nach Oetken 2021)

Medienpädagogische Tipps und Perspektiven

Mittlerweile existieren zahlreiche Empfehlungen, wie mit dem Hype um die Serie und daraus resultierendem Sozialverhalten von Kindern umgegangen werden kann. Das österreichische Portal Saferinternet.at weist unter anderem auf das Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen hin, für die solch eine Serie eine willkommene Herausforderung darstellt, da es hier um einen emotionalen „Kick“ und das Überschreiten von Grenzen geht. Durch die mediale Aufmerksamkeit wird ein gemeinschaftsbasiertes Gesprächsthema generiert, mit dem sich Kinder und Jugendliche in sozialen Gruppen gut positionieren können. „Reale Mutproben“, soziale Anerkennung aber auch Abgrenzung spielen hier eine große Rolle.

Auch Björn Friedrich und Felix Höß geben auf dem Medienpädagogik Praxis-Blog konkrete Hinweise für Eltern und Lehrende, wie dem Phänomen begegnet werden kann. Im Mittelpunkt stehen Gespräche mit den Kindern, um sie bei der Auseinandersetzung mit dieser Serie zu begleiten. Dazu ist es allerdings nötig, dass beispielsweise Pädagogen diese Medieninhalte auch kennen, um überhaupt auf Augenhöhe zu sein. Falls die Spiele auf dem Schulhof nachgespielt werden, so die beiden Autoren, dann „sollten die Kinder ein faires Spiel ohne körperliche Gewalt oder Bestrafung“ daraus machen. Zudem ist die Serie durchaus ein geeignetes Angebot, um über Themen wie soziale Ungerechtigkeit, Kapitalismus oder Ethik ins Gespräch zu kommen. Es lässt sich auch „hervorragend über den Sinn von Altersbeschränkungen diskutieren, über die Darstellung von Gewalt, die Faszination von Castings und Wettkämpfen sowie die virale Wucht globaler Medienhypes.“ (Friedrich, Höß 2021)

Auch im Statement der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz NRW (AJS) wird auf die Verantwortung von Eltern und Erziehenden hingewiesen, Kindern zu helfen, wenn sie die verstörenden Szenen von Squid Game gesehen haben, zumal wenn sie altersmäßig noch weit unter dem Freigabealter von 16 Jahren sind. Die Faszination der Serie auf Heranwachsende sei nachvollziehbar, setze die Serie doch inhaltlich auf jugendaffine Themen wie den Traum vom großen Geld und das Interesse an Challenges. Außerdem ploppen nun überall Anleitungen auf, wie die Kindersicherung bei Netflix einzustellen ist, um den Zugang zumindest zu erschweren. Diese Schutzfunktion der Plattform in Erinnerung zu rufen und damit an die elterliche Kompetenz zu appellieren, ist jedenfalls nicht das schlechteste Ergebnis des hochgefahrenen Diskurses um die Serie.

An der altersgruppenüberschreitenden Rezeption zeigt sich auch, wie weit Kinder und Jugendliche außerhalb des Radars von Eltern und Sorgeberechtigten Zugang zu nicht altersgerechten Medieninhalten haben und welche Bedeutung ihnen zukommen kann. Andererseits ist dieses Problem weder neu noch einfach zu lösen. Die Debatte um die vermeintliche Verrohung der Jugend durch Gewaltdarstellungen ist so alt wie die Medien selbst, in denen sie stattfinden, meint auch Thomas Abeltshauser in der Wochenzeitung der Freitag. Mit Rekurs auf Halloween kommentiert er pointiert die Aufregung um die Serie, denn Warnung sei schon immer die beste Werbung gewesen. Netflix wird’s freuen. Sein Fazit: „Sinnvoller als das ewige Rufen nach strengerem Jugendschutz und Verboten wäre eine Medienbildung, die digitale Kompetenz dafür fördert, mediale Inhalte und ihre Inszenierung kritisch zu analysieren und einzuordnen. Das freilich ist ein größerer Kraftakt, als einem fiktiven Format über pervertierte Kinderspiele kurz den Schwarzen Peter zuzuschieben.“ (Abeltshauser 2021) Wie auch immer, es bleibt anspruchsvoll, die Realität heutiger Mediennutzungen in Einklang mit den Zielen des Jugendmedienschutzes zu bringen.

Squid Game ist auch ein Gesprächsangebot

Der Erregungsdiskurs über Squid Game wirkt fast ein bisschen einsilbig. Natürlich laufen in dieser Serie diverse Wirkungsrisiken für jüngere Kinder auf Hochtouren, die nicht zu verharmlosen sind: Ängstigung durch die brutalen Gewaltakte, sozialethische Desorientierung aufgrund des zynischen Gesamtansatzes und Gewaltverherrlichung, da die Serie in einer höchst selbstzweckhaften Weise Gewaltszenarien offeriert. Aber das ist nur die Oberfläche. Darunter findet sich eine außerordentlich spannende Gesellschaftskritik und Sozialstudie. Barbara Schweizerhof (der Freitag) sieht in der moralischen Zweideutigkeit aller Figuren der Serie, die eben gerade nicht wie ein „Spiel“ wirke, eine große Anziehungskraft. Als Zuschauer fühle man sich hier auf eine Weise ernst genommen und direkt angesprochen, wie es bei US-Serien mit ihrem Anspielungsreichtum und ihren Genre-Verspieltheiten selten geschehe (Schweizerhof 2021). Neben den kapitalismuskritischen Fragen sind hier auch Aspekte von Teambildung und sozialem Handeln relevant. Welche Teams kommen weiter, welche Rollen nehmen die einzelnen Mitglieder ein? Was sind sinnvolle Teamstrategien? Auch das ist spannend. Insofern ist die Serie auch ein komplexes Gesprächsangebot für junge Heranwachsende. Die Serie ist eben gerade nicht so eintönig und vorhersehbar. Insofern ließe sich all den Warnungen zum Trotz auch entgegenhalten: Keine Angst vor Squid Game! Natürlich erst ab 16 Jahren.

Aber wenn viele jüngere Kinder, teilweise unter 12 Jahren, nun auf die Serie aufmerksam wurden, dann ist das Gespräch mit diesen Gruppen zu suchen. Wie gehen sie damit um? Sind entwicklungsbeeinträchtigende oder abträgliche Identifikationsmuster und Traumatisierungen durch die Rezeption erkennbar? So gibt es zwar etliche Berichte über das Nachspielen auf dem Schulhof, teils mit gewaltvollen Spielszenarien (Ohrfeigen etc.), andererseits sind offensichtlich darüber hinaus keine ernsthaften Vorfälle gemeldet worden. Die hyperventilierende Berichterstattung erzeugte eine enorme Aufmerksamkeit und führte zu einer Ereignisverdichtung und -sensibilität. Das letzte Oktoberwochenende stellte den Peak dieser Welle dar. Mittlerweile warnen quasi alle vor Übertragungseffekten: Polizei, Politik, Schulen, was eine alarmistische Tonart etabliert hat. Vielleicht sind die filmischen Squid Game-Gewaltexzesse sogar ab einem gewissen Punkt eher nebensächlich, da es um einen tiefer liegenden Zynismus geht. Arabella Wintermayr hat das in einem taz-Artikel gut analysiert: „Wie Fliegen fallen die Menschen in Zeitlupe zu Boden – Blutfontänen vor watteweichen Wolken sind zu sehen, eine zarte Frauenstimme singt Sinatras Fly me to the Moon. Einige Kom­men­ta­to­r:in­nen erkennen in dieser Schlüsselszene eine unnötige Ästhetisierung eines banalen Gemetzels. Man kann in der bissigen Kontrastierung aber auch eine zynische Grundhaltung erkennen, die für eine Parabel auf die nicht minder zynische Lebensrealität im Kapitalismus angemessen ist.“ Die zynische Zurschaustellung von sozialer Ungerechtigkeit ist hier keine Pose, so die Autorin.

Der südkoreanische Drehbuchautor und Regisseur Hwang Dong-hyuk entwickelte die Idee zur Serie wohl schon während der Finanzkrise 2008. Die Wut ist seinem Werk anzumerken, so Wintermayr. Ihre Einschätzung ist schon deswegen sehr lesenswert, weil sie nicht bei dem etwas oberflächlichen Gewaltdiskurs hängen bleibt, sondern in den Kulissen der Inszenierung viele aktuelle Themen erkennt, die es in Gesprächen mit Jugendlichen und Kindern aufzugreifen gilt. Auch sie würden wahrscheinlich überrascht sein, was noch so alles in Squid Game steckt. Denn die Serie führt vor Augen, wie sehr Konkurrenzdenken im Zeitgeist als Ordnungsprinzip unseres Handelns verankert ist. „Die einnehmende Ästhetik, ihr (die Serie, U.B.) prägnanter Erzählstil, das bestechende Gedankenexperiment, das zur Identifikation und der ständigen Frage, wie man sich selbst verhalten würde, einlädt – und, ja, wahrscheinlich auch die spektakuläre Gewalt im Zentrum – machen sie für unterschiedliche Zuschauende und Sehgewohnheiten so interessant.“ (Wintermayr 2021) Aber jüngere Kinder sollten davor geschont werden, denn die „Mischung aus Gewalt, Sadismus, Organhandel und kindlichen Spielen“ kann „besonders verstörend und ängstigend“ auf diese Altersgruppe wirken, da es sich nicht um eine „abstrakte“ Geschichte, sondern um sehr „real wirkende Situationen“ handelt, so die AJS NRW.

Viral, real, egal?

Der Hype um Squid Game illustriert, wie Trends viral gehen und in „reales“ Handeln transformiert werden. Was ist das nächste Ding? Welche Serie, welches Format wird das kommende durchschlagende Gesprächsthema sein? Die Aufregung um die Serie wird schon bald verebbt sein. Wer erinnert sich noch an den Pokémon GO-Hype, bei dem viel auf die Unfallgefahren hingewiesen wurde, weil Kinder „blindlings“ durch Straßenverkehr und Botanik stapften, um virtuelle Wesen zu jagen. Oder Tote Mädchen lügen nicht, die US-Serie mit dem Teenager-Suizid-Thema? Und nicht zu vergessen der dystopische Mehrteiler Tribute von Panem. Auch hier geht’s zynisch und gewaltvoll zur Sache. Also, keine Angst vor diesen Medienphänomenen. Letztlich heißt es: Grünes Licht für Medienkompetenz, rotes Licht für Medieninkompetenz!

 

Der hier überarbeitete und erweiterte Text erschien bereits am 1. November 2021 auf der Webseite medienwerkstatt-potsdam.de.

 

Quellen und Verweise:

Alle Links wurden zuletzt geprüft am 08. November 2021

Über Uwe Breitenborn

Dr. Uwe Breitenborn, hauptamtlicher Prüfer der FSF, Dozent und Autor, Bildungsreferent der Medienwerkstatt Potsdam, zahlreiche Veröffentlichungen zur Mediengeschichte, Musiksoziologie, und Kulturwissenschaft. Von 2014-2019 Vertretung der Professur Onlinejournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Zuvor u.a. Arbeit an der Martin-Luther-Universität Halle und beim DRA Babelsberg.

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